(Jes 2, 1–5; Röm 13, 11–24a; Mt 24, 37–44)
Liebe Schwestern und Brüder,
auch, wenn ich mich jedes Jahr wiederhole, ich bedauere sehr, dass der Advent irgendwie auf der roten Liste der vor dem Aussterben bedrohten Rituale des Lebens ist. Es zeigt vor allen Dingen auch eins, dass uns eine wichtige Haltung verloren geht, nämlich die des Wartens.
Ich möchte immer wieder dazu ermutigen, gegen den Trend auf das Aufstellen des Weihnachtsbaumes noch bis Weihnachten zu warten. Denn er ist in der Weihnachtszeit neben der Krippe das, was im Advent eben der Adventskranz ist.
Mit seinen grünen Zweigen drückt der Adventskranz unsere Hoffnung aus, dass uns Gottes Liebe nahe ist und dass sie so ewig ist, wie der Ring oder Kranz, der keinen Anfang und kein Ende hat. Die Farbe „Violett“ steht in der Liturgie für den Wunsch und das Bemühen, umzukehren von dem, was halt alle machen und für unsere Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, das uns Gottes Gegenwart schenken möchte.
Wir bleiben doch Menschen, die auf der Suche sind nach Sinn, nach Erfüllung, nach dem, was uns trägt und Licht in unser Leben bringt.
Dafür stehen auch die Kerzen, die nach und nach jeden Sonntag entzündet werden und einmünden in die sternenerleuchtete Nacht von Weihnachten. Der Weg dahin ist das geduldige, ungeduldige Warten, jene Haltung, die es heutzutage so schwer hat, wo man alles und sofort haben möchte. Dabei ist es die Haltung des Wartens, die uns froher macht, die uns bereitet für eine Begegnung, die halt Zeit braucht. Es ist wie ein langsames und behutsames Kennenlernen, das zum Feuer der Liebe reift, das in unseren Herzen brennen möchte.
Denn da, in unseren Herzen, ist ja auch ein Adventskranz, der sich Weihnachten in eine Krippe der Gegenwart Gottes verwandeln möchte. Doch am Allertröstlichsten ist für mich, dass dies eine Zusage Gottes ist, die sein Kommen nicht von unseren Erwarten abhängig macht, nicht von unserer Besinnlichkeit, die von einem Alltag, der uns manchmal fast besinnungslos macht, abhängig ist.
Das Allertröstlichste ist, dass das Gottes Geheimnis uns nahe ist und nahe kommt und immer wieder Lichter seiner Gegenwart für uns entzündet, trotz und in allem! Ich wünsche uns von Herzen, dass uns diese adventliche Erfahrung zuteilwerden mag, wo immer wir gerade sind, wie immer wir uns gerade fühlen oder wie immer unser Leben gerade aussehen mag.
Die erste Kerze, die wir heute entzündet haben, steht für den Beginn einer adventlich, weihnachtlichen Supernova, die ein unendliches „JA“ zu uns bedeutet und uns entzünden möchte, zu vertrauen, zu hoffen und vor allem zu lieben, wie es Gott Tag für Tag und in alle Ewigkeit scheinbar so unscheinbar tut.
Am Ende der ersten Lesung aus dem Buch Jesaja steht: „Auf, wir wollen gehen im Licht des Herrn.“ (Jes 2,5)
Das lasst uns voll Freude und Dankbarkeit tun. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
https://gotteswort-weiblich.annette-jantzen.de/1‑adventssonntag-lesejahr-a-zur-1-lesung
