(Jes 58, 1–14; Mt 4, 1–11)
Liebe Schwestern und Brüder,
Fastenzeit war für mich früher immer ein gewisses Mehr an religiösem Tun. Ich ging wochentags zum Kreuzweg oder auch mal in die Eucharistiefeier am Freitagabend. In den ersten Semestern meines Theologiestudiums in Erfurt erlegte ich mir mit anderen religiös Begeisterten eine nächtliche Anbetung auf und fühlte mich richtig toll. Erst recht, als ich zudem Kommilitonen hörte, die nach Mitternacht von Ausflügen wiederkamen, die sicher nichts mit meinem Verständnis von Fasten zu tun hatten.
Selbstverständlich wurde auch verzichtet auf Alkohol oder auf Süßes und Ähnliches mehr. Am Ende der Fastenzeit war ich froh und stolz auf das von mir Geleistete. Wenn man jung ist, neigt man ja ohnehin etwas zu Übereifer. Man meint, die Welt und Kirche besser zu verstehen und die inkonsequenten Älteren zurecht etwas verachten zu dürfen.
Nur leider ging das wohl alles so ziemlich an dem vorbei, was sich vermutlich Gott für diese Zeit der Gnade erhofft. Was er sich nicht erhofft, ist ein aufgeblasenes und stolzes Herz, jenes Herz, das meint, Gründe zu haben, andere verachten zu können. Wir sollten also aufmerksam auf das achten, was welche Gefühle in unserem Herzen bestimmend sein lässt.
Von den eben geschilderten Formen des Fastens bin ich längst abgekommen. Ich halte nichts mehr von noch so großen, religiösen Leistungen, wenn sie nicht vor allem das Herz weiten. Wenn sie das zum Ziel hätten, würde eh niemand davon erfahren, weil sie den Blick der Öffentlichkeit meiden. Man würde es wohl „nur“ deutlich in der Alltäglichkeit des Lebens merken.
Der Prophet Jesaja hat im Kapitel 58 vor etwa 2600 Jahren bemerkenswerte Dinge über das Fasten gesagt und so sehr treffend bis heute zusammengefasst, worum es Gott nicht nur in sogenannten „Fastenzeiten“ geht. Da braucht man auch gar keine Fachleute der Bibel, die uns diesen Text aufschlüsseln müssten. Dieser Text spricht für sich selbst.
Und Jesus, der in der Wüste 40 Tage versucht wird, spürt und lernt zutiefst, was Liebe tut und nicht möchte: nämlich sich selbst wichtig zu machen und in den Mittelpunkt zu stellen, auch im Namen Gottes nicht. Jesus, der sich wahrlich totgeliebt hat, hat nie sich selbst in den Mittelpunkt gestellt, sondern immer seinen geliebten Abba-Gott und jene „armen“ und verletzten Menschen, die es sich eh nicht leisten konnten, sich selber groß zu machen, zumal, wenn ihr Lebensweg ein gebrochener und klein gemachter war. Diese Menschen verstanden die Liebe Jesu, wussten und erfuhren, was es heißt, bedingungslos geliebt zu sein. Möge doch diese Erfahrung auch bleibend unsere sein, als Geliebte und Liebende, über jene Zeit hinaus, die man „Fastenzeit“ nennt, jene Erfahrung, die schon immer österlich ist, auch vor Ostern.
(P. Thomas Röhr OCT)
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