11. Sonn­tag im Jah­res­kreis (13.06.)

(Ez 17, 22–24; 2 Kor 5, 6–10; Mk 4,26–34)

Ein Mann kam in ein Dorf, in dem, wie über­all er­zählt wur­de, wun­der­schö­ne Gär­ten wa­ren, gro­ße und klei­ne, vor­neh­me und ein­fa­che. Der Mann, mit sei­nem ei­ge­nen Gar­ten nicht mehr zu­frie­den, woll­te sich in die­sen Gär­ten ein­mal um­se­hen. Viel­leicht, so dach­te er, kann ich die­ses und je­nes dann in mei­nem Gar­ten ändern.

Am Ein­gang des Dor­fes saß ein al­ter Mann, der ver­stän­dig und wei­se aus­sah. Ihn frag­te er, wie er es an­stel­len müs­se, ei­nen der Gär­ten zu be­se­hen, um de­rent­wil­len das Dorf so be­rühmt sei. Der al­te Mann wink­te ei­nen sei­ner Söh­ne her­bei, und die­ser führ­te ihn in ei­nen gro­ßen Gar­ten. “Die Gar­ten­pfor­te muss er­neu­ert wer­den”, sag­te der Sohn, als sie den Gar­ten be­tra­ten, und zeig­te auf ei­ni­ge un­schö­ne Stel­len. “Und die­se We­ge sind reich­lich aus­ge­tre­ten und müs­sen ein­ge­eb­net wer­den.” Vor ei­nem Ro­sen­strauch blieb er nach­denk­lich ste­hen: “Seht Ihr die Blatt­läu­se? Er wird kaum über­le­ben. Und das Ge­wächs dort hin­ten an der Mau­er, es wird wohl auch ein­ge­hen. Die Wur­zeln sind be­fal­len und neh­men das Was­ser nicht mehr auf. Wir kön­nen gie­ßen, so­viel wir wol­len, es hilft nicht mehr.” Der Sohn zeig­te ihm noch man­ches, was nicht in Ord­nung war. Es schien ein kran­ker Gar­ten zu sein, und der Mann über­leg­te, war­um man ihn ge­ra­de in die­sen Gar­ten ge­führt hat­te. Ent­täuscht be­rich­te­te er dem Al­ten vom schlech­ten Zu­stand des Gar­tens und frag­te ihn, ob er nicht ei­nen an­de­ren se­hen könnte.

Der wei­se Al­te wink­te ei­nen an­de­ren sei­ner Söh­ne her­bei. Die­ser führ­te den Mann in ei­nen Gar­ten, der ihm wohl ge­fiel. “Seht hier, die­se Klet­ter­ro­se”, sag­te der Sohn und zeig­te auf ei­nen Bo­gen über der Gar­ten­pfor­te. “Sie blüht das gan­ze Jahr. Es gibt kei­ne an­de­re Klet­ter­ro­se im gan­zen Dorf, die so vie­le Blü­ten treibt. Und dort ein Man­da­ri­nen­baum. Er trägt die sü­ßes­ten Früch­te.” Er gab dem Mann ei­ne rei­fe Frucht von köst­li­chem Aro­ma, die ihm wohl schmeck­te. “Die­ses Beet ha­ben wir neu an­ge­legt. Vor ei­ni­gen Ta­gen ha­ben wir die Sa­men in die Er­de ge­tan. Es wer­den Blu­men wach­sen, gro­ße, wei­ße, mit star­kem Duft, ähn­lich wie die blau­en dort an der Mau­er. Die ers­ten Spros­sen kom­men schon. Seht Ihr sie? Und dort ist un­ser Brun­nen. Schaut nur, wie tief er ist. Noch nie hat es uns an Was­ser ge­fehlt.” So führ­te die­ser Sohn den Mann durch den Gar­ten und zeig­te ihm all sei­ne Schön­hei­ten. Be­geis­tert be­rich­te­te der Mann dem Al­ten von al­lem, was er in die­sem Gar­ten ge­se­hen hat­te, und be­dank­te sich. Der Wei­se lä­chel­te nur und frag­te: “Habt Ihr nicht ge­merkt, dass Ihr in ein und dem­sel­ben Gar­ten ge­we­sen seid?”

(aus: Re­na­te Schu­bert, Durch vie­le Wel­ten wan­dern wir, Gün­ter Kohn, Ver­lag Eschbach, Eschbach/ Mark­gräf­ler­land 1997.)