(Ex 19, 2–6a; Röm 5, 6–11; Mt 9, 36–10,8)
Liebe Schwestern und Brüder,
man sagt, dass jede Übersetzung eines Textes in eine andere Sprache immer schon eine Interpretation ist. Oft gibt es mehrere Wortbedeutungen, wo man die wohl am ehesten gemeinte erst im Textzusammenhang erkennt. Und keiner kann absolut objektiv übersetzen, weil alles Subjektive in seiner Komplexität nicht ausgeblendet werden kann. Das gilt natürlich auch für die Heilige Schrift.
Das Erste Testament ist in seinem Ursprung natürlich hebräisch verfasst. Diese Sprache kann kaum einer von uns, ich auch nicht. Bei unserer Werkwoche der Karmelgemeinschaft im April diesen Jahres hatten wir eine Referentin, die hervorragende Hebräischkenntnisse hatte. Sie klärte uns im Bezug auf die erste Lesung darin auf, dass da nicht „auf Adlerflügeln“, sondern „auf Geierflügeln“ steht, genauer auf Gänsegeierflügeln. Vermutlich werden die meisten von uns, wie die Übersetzer, Adlerflügel bevorzugen. Aber das steht eben so im Original nicht da.
Gott wird also mit einem Geier verglichen. Dazu muss man wissen, dass die Antike Geier eher positiv gesehen und sie bewundert haben. Sie können ja eine Flügelspannweite von fast drei Metern haben und schweben scheinbar mühelos auf den Aufwinden der Wüste dahin.
Sie ziehen ihr Junges, (sie haben nur eins), sehr fürsorglich auf. Besonders bewegend ist, was man vom Fliegenlernen des Jungtieres liest. Wenn der Jungvogel abzustürzen droht, dann fliegen die Eltern unter ihn und lassen ihn auf ihren Flügeln landen. Das machen im übrigen manchmal auch andere, größere Zugvögel, die kleinen Vögeln erlauben, auf ihren Rücken auszuruhen. Das ist etwas sehr Schönes und Berührendes.
Ich habe ja in der Einführung zu diesen Gottesdienst schon gesagt, dass Jesus sieht, wie müde und erschöpft die Menschen damals waren und auch heute sind, angesichts dessen, was da Tag für Tag an alltäglichen Lasten die Herzen und das Leben bedrücken. Da ist es doch gut, Vertrauen zu dürfen, dass wir auf Gottes Geierflügeln ausruhen dürfen, ja, dass Gottgeiermutter ihre Flügel schützend um uns legt. Und in Gottes Augen und Herzen ist ein jeder von uns das einzige Junge, um das sich Gott kümmert, auch wenn wir uns das gar nicht so richtig vorstellen können. Aber schließlich ist Gott Gott und nicht wir, und für Gott ist nichts unmöglich, wie es doch oft in der Heiligen Schrift heißt.
Diese Geierflügel zeigen sich auch daran, dass sie nicht nur beschützen, sondern auch Heil und Leben schenken. Denn Gott geht es nicht um die Wahrheit als Abstraktion, die wir zu akzeptieren hätten. Nein, das Himmelreich, also Gott, wird als nah erfahren, wo Kranke geheilt, Tote erweckt, Aussätzige geheilt und krankmachende Geister vertrieben werden, wie es im Evangelium aus Matthäus, Kapitel 9, Vers 8, heute hieß.
Und am Ende der ersten Lesung steht auch nicht die moralische Aufforderung, ihr sollt mir als ein priesterliches Volk gehören, sondern da steht: „ihr seid für mich ein priesterliches Volk, eine heilige Gemeinschaft“ (Ex 19, 6a). Jeder von euch, jeder von uns, ist gottfähig, und hat eine solch besondere Beziehung zu Gott, wie das eine Junge zu ihren Gänsegeiereltern.
Das möge doch jetzt einfach unser Herz ganz leicht und froh und dankbar machen. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
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