(Gen 18, 20–32; Kol 2, 12–14; LK 11, 1–13)
Liebe Schwestern und Brüder,
also, besonders wertschätzend und ermutigend ist die Aussage „ihr, die ihr böse seid“, nicht gerade. Dabei wird keiner abstreiten, dass wir auch ganz schön böse sein können. Aber wir sind es eben nicht nur und es ist durchaus sehr komplex, was uns gut oder böse sein lässt.
Eine gewisse negative Sicht auf die Menschen scheint manchen Religionsvertretern eigen zu sein, so, als wären sie selber keine Menschen mehr mit guten, wie mit schlechten Seiten. Bis in die Liturgie hinein schwebt ständig das Schwert des Sündigseins über uns, von manchen Predigten ganz zu schweigen. Da tut es gut zu hören, dass der Senior Abraham sich für Sodom und Gomorra gegen Gott einsetzt, auch wenn es am Ende leider nichts geholfen hat. Da haben es Großeltern und Senioren in der Regel leichter, wenn sie sich für ihre Enkel oder Urenkel einsetzen. An sie denken wir ja am Welttag der Großeltern und Senioren in besonderer Weise, der diesmal das Thema hat: „Selig ist, wer seine Hoffnung nicht verloren hat!“
Nun, der Senior Abraham denkt zuerst an die sog. „Gerechten“, die mit den Ungerechten umkommen würden. Und leider sterben bis heute viele unschuldige Menschen, die Opfer von menschlicher Ungerechtigkeit, von Gewalt, Hass, Krieg und Terror werden.
Ich wünschte mir manchmal mehr, dass das Bild, das Religionsvertreter oft von den Menschen haben, etwas positiver wäre. Man kann nicht immer nur auf die Leute schimpfen, deren angeblicher Unglaube dafür verantwortlich sei, dass wir z.B. zu wenig geistliche Berufungen haben und dass das Christentum insgesamt immer bedeutungsloser zu werden scheint. Da sollten sich manche hohe Herren lieber an die eigene Nase fassen.
Wie dem auch sei, es ist wohltuend und Hoffnung stiftend, wenn nicht nur dauernd kritisiert und geschimpft wird, auch wenn das gelegentlich notwendig ist. Dabei sollte man in aller Demut nicht vergessen, dass man auch nur ein Mensch und nicht frei von Fehlern oder gar Schuld ist. Apropos Schuld: hieß es nicht im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Kolóssä, dass Gott den Schuldschein, der gegen uns sprach, durchgestrichen und seine Forderungen, die uns anklagten, aufgehoben hat (Kol 2, 14)?. Auch hier scheint der Gedanke der Schuld sehr wichtig zu sein, so wichtig, dass Jesus geradezu deswegen am Kreuz gestorben ist. Gott erscheint wie einer, der eine Schuldneurose hat und sie an uns abarbeitet. Aber das war nicht die Gottessicht Jesu, noch hat die Bibel Gott jemals darauf reduziert. Und außerdem ist er es ja, der den Schuldschein zerrissen hat und seine geliebten Kinder nicht darauf reduzieren lässt.
Wie sehr wurde Gott aber in der Geschichte, und wird er immer noch, missbräuchlich auf eine gewisse Schuldfixiertheit reduziert, so, als garantiere diese Gottessicht ein besseres und moralischeres Verhalten der Menschen. Da muss man aber in Bezug auf die Vergangenheit mehr als auf einem Auge blind sein.
Aber viele Großeltern und Senioren lehren uns eine andere Sicht auf Gott, der uns vor allem liebevoll anschaut, als seine Töchter und Söhne, die eben nicht nur in seinen Augen böse sind.
Vielleicht ist Beten auch um Gottes Willen ein Bekenntnis zu seiner Freundschaft und Liebe, nicht so sehr eine Sache von Worten, als vielmehr eine Sache des Vertrauens und einer Liebesbeziehung.
Ich weiß, dass viele Großeltern und Senioren genau dafür ein Sakrament für ihre Enkel und Urenkel, leiblich wie geistig, sind. Selig ist also, wer das erleben und erfahren darf. Selig ist, dessen Hoffen und Lieben und dessen Menschsein dadurch wachsen können. Das wünsche ich uns allen, vor allem aber auch um Gottes willen selber. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
