18. Sonn­tag im Jah­res­kreis (01.08.2021)

(Ex 16, 2–4.12–15; Eph 4, 17.20–24; Joh 6, 24–35)

Lie­be Schwes­tern und Brü­der,
die meis­ten von uns wis­sen, dass ver­än­der­te Ein­stel­lun­gen und Le­bens­wei­sen für Kir­che, Ge­sell­schaft und Welt im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes not-wen­dig sind. Die meis­ten von uns wis­sen auch, wie schwer Ver­än­de­rung sein kann, wie sehr wir uns manch­mal vor Ver­än­de­rung fürch­ten. Zu sehr ver­bin­den wir da­mit Ver­lust und ei­ne ge­rin­ge­re Le­bens­qua­li­tät. Doch oft ist es so, dass uns die Angst min­des­tens auf ei­nem Au­ge blind ge­macht hat. Denn in Wahr­heit er­fah­ren wir schon Ver­lust und spü­ren im tiefs­ten, dass die er­träum­te Le­bens­qua­li­tät mit der rea­len gar nicht mehr stand­hält. Tat­säch­lich zwingt uns manch­mal erst das Le­ben, Ver­än­de­run­gen zu­zu­las­sen. Und plötz­lich er­scheint uns das „al­te Ge­wand“ gar nicht mehr so er­stre­bens­wert, ja wird ei­nem deut­lich, dass das al­te eher Ge­fan­gen­schaft, denn Be­frei­ung oder Frei­heit war.
Exo­dus, al­so Aus­zug, ist ein zen­tra­les Sym­bol is­rae­li­ti­scher Be­frei­ungs­er­fah­rung. Aber ei­gent­lich ist es ein Sym­bol mensch­li­cher Be­frei­ungs­er­fah­rung. Die­ses The­ma wird oft li­te­ra­risch und fil­misch auf­ge­grif­fen, wenn auch nicht in ei­ner plat­ten, re­li­giö­sen Wei­se, die die Bi­bel als Dreh­buch wort­wört­lich be­nutzt. An­ders ge­spro­chen, ist Exo­dus ei­ne Be­frei­ung aus neu­ro­ti­schen pri­va­ten und ge­sell­schaft­li­chen Ver­hal­tens­wei­sen. Die­se wer­den auf­ge­bro­chen und nö­ti­gen zum Auf­bruch, in­ner­lich wie äu­ßer­lich. Da wird mit ge­wohn­ten Denk- und Ver­hal­tens­wei­sen ge­bro­chen. Aber die er­hoff­te und er­sehn­te Frei­heit und Be­frei­ung ist nicht ein­fach da, son­dern ein lan­ger, oft schmerz­li­cher, Pro­zess. Da be­kommt man leicht Angst vor der ei­ge­nen Cou­ra­ge und möch­te am liebs­ten wie­der in das Al­te und Ge­wohn­te zu­rück, in al­te Pseu­do­si­cher­hei­ten, auch wenn das Ge­fan­gen­schaft be­deu­tet und die Auf­ga­be sei­ner selbst. Gott aber will Be­frei­ungs­ge­schich­ten in Gang set­zen, neu­es Den­ken, Füh­len und Ver­hal­ten er­mög­li­chen, da­mit Le­bens­qua­li­tät wirk­lich statt­fin­det und zwar für al­le, für Men­schen, Ge­schöp­fe und die Mut­ter Er­de. Da wird „we­ni­ger“ in je­der Hin­sicht „mehr“ und nicht Ver­lust sein. Da wird die Fra­ge, was uns wirk­lich trägt, wenn uns al­te Fel­le da­von­schwim­men, nicht mehr ver­bo­ten sein. Da wa­gen Gläu­bi­ge wie­der mehr Ver­trau­en, da er­fah­ren al­le in der Be­dräng­nis, wie kost­bar das Le­ben ist und fast al­les Ge­schenk, für das man nur dan­ken kann. Da hat man am En­de viel­leicht Ei­ni­ges ver­lo­ren, aber ganz neue Frei­hei­ten und Le­bens­qua­li­tä­ten ge­fun­den.
Die sich um Glau­ben Mü­hen­den wer­den Gott dan­ken, der sich als der „ICH BIN DA“ er­weist in so vie­len, klei­nen Kost­bar­kei­ten des Le­bens. Men­schen oh­ne aus­drück­li­chen Got­tes­be­zug kom­men mög­li­cher­wei­se zum glei­chen Er­geb­nis, das sie als Ge­schenk er­fah­ren. Und so hei­ßen die „neu­en Ge­wän­der“, die uns ver­bin­den, Dank­bar­keit, Ver­trau­en, das Ge­fühl der Ver­bun­den­heit mit al­len und al­lem und ein biss­chen mehr De­mut. Für uns ist klar: „Das ist das Brot, das der Herr uns zu es­sen gab!“ (Ex 16,15) Dar­um konn­te Je­sus von sich sa­gen: „Ich bin das Brot des Le­bens!“ (Joh 6, 35), denn er war die­se Hal­tung und Got­tes Nä­he in Per­son. Amen.

(P. Tho­mas Röhr OCT)