(Jes 55, 1–3; Röm 8, 35.37–39; Mt 14, 13–21)
Liebe Schwestern und Brüder,
manchmal beschleicht uns vielleicht eine gewisse Urangst, wir könnten im Leben etwas verpassen oder zu kurz kommen. Dabei könnten wir die ganze Welt bereisen oder uns gar, wenn wir die finanziellen Mittel dazu hätten, ins Weltall schießen lassen. Und doch würde diese Urangst nicht einfach verschwinden, uns immer weiter vor sich her treiben, bis uns die Puste ausgeht.
Ohne Zweifel ist das Reisen dürfen ein großes Privileg und kann uns in jedem Fall bereichern, solange wir nicht nur als reiche Fordernde unterwegs sind, so, als hätten wir einen Anspruch darauf, dass man vor allem uns selber wichtig nimmt.
Wer jetzt erwartet, dass ich gleich den Glauben als Lösung des Problems preise, hat sich natürlich getäuscht. Denn auch der Glaube ist nicht gleich die Lösung aller Probleme und lässt viele Fragen offen, wenn man denn den Mut hat, sie wahrzunehmen und zuzulassen. Und je älter man wird, desto mehr nehmen manche Fragen zu und zu schnelle und unüberlegte Antworten ab.
Das alles ist gut so, damit wir innerlich wie äußerlich in Bewegung bleiben. Denn, was sich bewegt, das lebt. Das ist im ganzen Universum so. Angesichts der unermesslichen Wirklichkeit müssen wir leider zur Kenntnis nehmen, dass wir in unserem Leben fast alles verpassen. Diese Wahrheit anzunehmen, ist vielleicht ein erster Schritt hin zu mehr inneren Frieden und weniger Hetzerei. Da es neben der äußeren Welt auch eine innere gibt, sollte man der inneren etwas mehr Wertschätzung zuteilwerden lassen, ohne deswegen gleich wieder alles auf Innerlichkeit zu reduzieren. Uns fehlt leider immer wieder das rechte Maß, so dass wir geneigt sind, in Extremen zu verweilen und darüber krank und friedloser zu werden.
Die biblischen Texte heute bieten uns an, vielleicht doch im Glauben eines überaus großzügig schenkendem Gottesgeheimnis, etwas Frieden für unsere Herzen zu finden. „Neigt euer Ohr und kommt zu mir, hört und ihr werdet aufleben“ (Jes 55, 3), so heißt es heute in der ersten Lesung bei Jesaja. Denn Gottes Liebe muss und kann man sich nicht verdienen, wie jede wahre Liebe eben auch nicht. Selbst mit Millionen von Euro kann man keine wahre Liebe kaufen.
Auch, wenn wir also das Meiste im Leben verpassen, so sollten wir doch die Geschenke in der Nähe nicht verpassen und dafür von Herzen dankbar sein. Im Grunde sind das immer jene Selbstverständlichkeiten, die so gerne und traurigerweise übersehen und nicht wertgeschätzt werden. Das ist z.B., ein Zuhause zu haben, in Frieden leben zu dürfen, halbwegs gesund zu sein, eine Handvoll wirklich guter Freunde zu haben, ein unverhofftes Lächeln, eine Hilfe, die nicht demütigt, Zeit und Liebe, die wir miteinander teilen, und so weiter und so fort. Das alles nährt uns an Seele und Leib, das alles geteilt, vermehrt sich wie im Evangelium die fünf Brote und die zwei Fische. Und niemand hat zu wenig, was er oder sie nicht auch einbringen könnte. Da muss dann nicht noch extra „Gott“ ins Spiel gebracht und hinzugefügt werden. Denn das alles ist schon ein Sakrament der Liebe Gottes, die in Jesus Christus ist (Röm 8,39).
Und selbst, wenn wir am Ende alles zu verlieren scheinen, so kann uns nichts von dieser und aller Liebe trennen. Denn sie bleibt das Wichtigste auf Erden, wie in Ewigkeit. Und in ihr werden wir dann vermutlich nicht wirklich irgendetwas verpasst haben. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
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