(Weish 18, 6–9; Hebr 11, 1–2.8–19; Lk 12, 32–48)
Liebe Schwestern und Brüder,
die Auswahl der biblischen Texte für den Sonntag ist mir oftmals ein Rätsel, so auch heute. Es mag sein, dass auch die 1. Lesung aus dem Buch der Weisheit um Vertrauen wirbt und das Evangelium ebenso, verbunden mit der Aufforderung, wachsam zu sein. Dennoch irritieren Sätze, wo Feinde untergehen und Gegner bestraft werden, so wie Knechte im Evangelium, die in Stücke gehauen werden oder Schläge bekommen, weil sie selber geschlagen und sich nur um sich selbst gekümmert haben. Und das sind sicher nicht die einzigen Sätze, die in der Heiligen Schrift so heilig nicht sind.
Freilich, ich könnte sie jetzt einfach ignorieren und so tun, als gäbe es sie nicht und mich auf positivere Aussagen beschränken. Doch viele wird das nicht wirklich in Ruhe lassen und befriedigen. Also, was machen wir jetzt damit?
Zunächst einmal müssen wir sie einfach so stehen lassen. Die Bibel ist, Gott sei Dank, kein Buch, wo alles glatt gebügelt und so getan wird, als seien die Menschen schon alle Engel. Viele gerade auch religiöse Menschen haben hohe ethische Ansprüche an sich und andere und merken natürlich auch, dass sie ihnen oft selber nicht entsprechen können oder wollen. Die Antwort darauf wäre ein ehrliches Eingeständnis dieser Tatsache, was leider oft nicht geschieht. Dann wird verdrängt oder verschoben, damit das tolle Selbstbild nicht infrage gestellt wird. Das gilt auch für Religionen und Gesellschaften. Aber das Destruktive sucht sich dann andere Wege und kann sich an „Feinden“ und „Gegnern“ gut abarbeiten, ohne schlechtes Gewissen natürlich.
Dass unser Leben und unsere Welt dadurch nicht friedlicher und menschlicher wird, liegt auf der Hand. Ich muss also eingestehen, dass ich trotz der Aufforderung zur Feindesliebe im Speziellen und zur Liebe im Allgemeinen manchmal Gefühle habe, die nicht besonders heilig sind. Und diese Gefühle kannten biblische Schriftsteller eben auch und haben sie ins Wort gefasst.
Ich habe keine Ahnung, ob sie den Widerspruch zu ihren tiefsten Glaubensüberzeugungen gemerkt haben und wie sie damit umgegangen sind. Aber zumindest haben sie sie zugelassen und nicht einfach so getan, als gäbe es sie nicht.
Ich weiß, dass man sich Rettung manchmal nicht anders vorstellen kann, als dass die Feinde verschwinden. Ich weiß, dass die Wut über verantwortungslose Verantwortungsträger groß sein kann und man ihnen sicher nicht alles Liebe und Gute wünscht. Aber ich bin überzeugt davon, dass uns nur Ehrlichkeit uns selbst gegenüber weiterbringt.
Und ich vertraue fest darauf, dass Gott uns behilflich sein wird, in einen Geist hineinzuwachsen, der die Welt und uns selbst, Religionen und Gesellschaften, friedlicher und menschlicher machen kann.
Weigern wir uns, Feinde, Gegner und schlechte Knechte zu hassen, um unseretwillen, um Gottes Willen, um einer friedlicheren Welt willen.
Wie sagte die wunderbare und unlängst verstorbene Jüdin Margot Friedländer immer wieder? „Seid Menschen!“ Angesichts ihrer Lebensgeschichte ist das großartig und ihr wundervolles Vermächtnis. Lasst uns dies besonders heute und in Bezug auf unsere biblischen Texte gerne zu Herzen nehmen. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
