(Gen 12, 1–4a; 2 Tim 1, 8b-10; Mt 17, 1–9)
Liebe Schwestern und Brüder,
Abram war eigentlich schon zu alt, um einen Neuanfang zu wagen. Allerdings ist das Älterwerden tatsächlich mit Aufbruch und Lassen verbunden.
Es gibt ja nicht nur eine äußere Welt, sondern auch eine innere, die es zu erkunden gilt. Wenn Abram fortgehen soll, dann ist das die Ermutigung, Bekanntes und Vertrautes zu lassen. Es ist ein Aufbruch dessen, was uns in unserem Denken und Fühlen nicht mehr weiter wachsen lässt.
Dies gilt selbstverständlich auch für unsere religiöse Praxis und Frömmigkeit. Es kann nicht sein, dass ich mit 70 noch bete: „Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm!“ Was heißt da „fromm“ und „Himmel“?
Wir haben einen reichen Schatz an Frauen und Männern, auch Mystiker genannt, die innerlich (und oft auch äußerlich) aufgebrochen sind in ein Land, das Gott ihnen gezeigt hat. Teresa von Ávila und Johannes vom Kreuz gehören da auch dazu. Sie brachen auf aus einem Land, indem man sich Gottes Liebe verdienen und Gott eher fürchten musste, indem man oft Gottes Erfahrung mit eigenen Gedanken und Gefühlen verwechselte. Gerade Johannes vom Kreuz nimmt da radikal so manche Illusionen.
Dieser Aufbruch aber, der natürlich zunächst ängstigt, hat eine größere Freiheit und Weite zum Ziel. Da beruhigt man sich nicht mehr mit selbst Geleisteten, nicht mit dem blinden Gehorsam gegenüber von Autoritäten, Gesetzen, Normen und Ideologien. Da beruhigt man sich einzig mit „dem heiligen Ruf Gottes“, sich in seiner Liebe zu bergen und daraus Kraft für sein Leben zu finden. Da lässt man sich nicht mehr mit der Unterstellung verunsichern, dass das mit der Liebe ja alles zu einfach wäre. Wer aufgebrochen ist aus dem bloßen Bekenntnis zu Sätzen und dem, wie es immer war, hin zum Land der Liebe, der wird merken, dass es viel einfacher ist, großartige, religiöse Leistungen zu vollbringen, als eine alltägliche Liebe zu leben.
Alles, was die Liebe nicht stärkt, ist „altes Land“ der Selbstrechtfertigung und der Abgrenzung mit offensichtlichen oder verborgenem, religiösen Rassismus.
Abram ist zum Segen für viele geworden, weil er Gottes Liebe und Wohlwollen geglaubt hat und darum aufbrechen konnte aus allen Gefängnissen des „Ich oder Wir“ zuerst. Anders kann man nicht heilsam für andere werden.
Ein solcher Ort des Segens sollen auch wir sein und werden, wo immer wir sind, so gut es uns gegeben und möglich ist. Nichts anderes meint die Stimme aus der Wolke, wenn sie uns auf Jesus verweist, der die Liebe bis zum Äußersten gelebt hat und Gott und Menschen aus krankmachenden Gottes- und Selbstbildern befreit hat. Das hat religiöse Systeme erschüttert und nicht ohne Grund gegen Jesus aufgebracht.
Nein, es ist keineswegs leichter, die Liebe zu leben. Da kann einem manchmal regelrecht Furcht überkommen. Und die Versuchung wiegt schwer, in das alte, vertraute Land der vermeintlichen Sicherheiten zurückzukehren.
Doch Jesus fasst uns an, macht uns erfahrbar, dass wir ihn immer an unserer Seite haben. Er sagt zu einem jeden von uns: „steh auf, fürchte dich nicht!“ Und wenn wir aufblicken, sehen wir niemand außer Jesus allein. Warum? Weil in seiner Person jenes „Land“ ist, zu dem uns Gott führen möchte. Er nämlich ist die personifizierte Hoffnung auf eine Liebe, die uns jetzt Kraft gibt, selber zu lieben, unter allen Umständen an die Liebe zu glauben, über den Tod hinaus. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
https://gotteswort-weiblich.annette-jantzen.de/2‑fastensonntag-a-zum-evangelium-und-zur-prophetie
