(Jer 38, 4–10; Hebr 12, 1–4; Lk 12, 49–53)
Liebe Schwestern und Brüder,
es ist gar nicht so leicht, eine eigene Meinung zu haben, wenn die Mehrheit eine andere hat. Und es ist genauso wenig leicht zu sagen, welche Meinung nun richtig oder falsch ist. Vermutlich sollte das auch nicht gleich die erste Frage sein, sondern die, ob nicht doch irgendwie in jeder ein Körnchen Wahrheit steckt.
Jeremia wie Jesus waren Menschen, die gängige Überzeugungen infrage gestellt haben und dafür auch angefeindet wurden. Jeremia erkannte damals, dass es keinen Sinn macht, sich gegen die Übermacht der Babylonier zu stellen und damit Tod und Zerstörung in Kauf zu nehmen. Was das für ihn bedeutete, haben wir in der 1. Lesung gehört. Vielleicht wäre er in der schlammigen Zisterne ums Leben gekommen, wenn es nicht den ausländischen Höfling und Engel gegeben hätte, der sich für ihn beim König eingesetzt und ihn gerettet hätte. Manchmal kommt eben himmlischer Beistand in der Not von da, von wo man es gar nicht vermutet und erwartet hätte.
Kurz, unbequeme Wahrheiten will niemand hören und wenn sie dennoch ausgesprochen werden, werden sie verdreht und als Bedrohung dargestellt.
Auch Jesus mutet uns heute Worte zu, die irritieren und unserem gängigen Bild von ihm nicht entsprechen. Gekommen sei er, um Feuer auf die Erde zu werfen und Spaltung zu bringen. Dabei haben doch die Engel auf den Feldern bei seiner Geburt vom Frieden gesungen!
Ich werde jetzt natürlich eine Erklärung versuchen, die diese Worte plausibel machen. Aber eigentlich sollte man nicht immer alles gleich wegerklären.
Es ist schon toll, wenn jemand für etwas brennt, wenn er Feuer und Flamme für ein Anliegen ist. Freilich sollte das für die Menschen und Geschöpfe sein und nicht gegen sie. Jesus brannte für den Gott der Liebe und eines unaussprechlichen Erbarmens, das sich besonders an jene richtete, die man in Vorurteilen und Erbarmungslosigkeiten aller Art einsperrte, wie den Jeremia in der Zisterne.
Jesus war kein Freund von faulem Frieden, der nichts gut, sondern alles nur noch schlechter macht. Wie viele Menschen haben sich schon um des sog. „lieben Friedens“ willen, der keiner war, um ihre besten Lebensenergien gebracht! Wenn Jesus also Spaltung bringt, dann wohl da, wo längst schon Spaltung ist und nur unterdrückt wird.
Wie sagt man? „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.“ Aber am Ende soll aus der Asche der Enttäuschungen ein neues Feuer entstehen, das für das Leben, für eine neue und tiefe Gemeinschaft, für Menschen brennt, die sich nicht mehr klein machen müssen und sagen und leben dürfen, wofür sie innerlich brennen. Dafür steht das Wort, das „Gotteskindschaft“ heißt und eine Würde verleiht, die nicht verdient, sondern gottgeschenkt ist.
Das Feuer der Liebe Jesu hat viele entzündet, geheilt, gewärmt und getröstet. Dafür hat er auch das Kreuz auf sich genommen, nicht der Sünden, sondern der Liebe wegen.
Möge dieses Feuer der Liebe in uns brennen, auch wenn das nicht immer leicht und oft auch nicht gewollt ist. Aber es wird nicht nur uns, sondern vielen anderen Frieden und eine neue, tiefe Gemeinschaft bringen, die ein Sakrament der Gegenwart dessen ist, der schon aus dem brennenden Dornbusch sprach. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
