(Jes 22, 19–23; Röm 11, 33–36; Mt 16, 13–20)
Liebe Schwestern und Brüder,
ohne Schlüssel kommt man gewöhnlich nicht durch eine Tür, wenn sie denn mit einem Schloss gesichert ist. “Schlüssel” ist wohl das Stichwort, das heute erste Lesung und Evangelium miteinander verbindet. Und es ist klar, dass es hier vor allem um Schlüsselgewalt geht. Das ist wiederum ein Wort, dass einen komischen Beigeschmack hat, weil ich mit „Gewalt“ nicht gleich etwas Positives verbinde.
Wozu diese Texte miteinander ausgesucht und womöglich auch geschrieben wurden, dürfte ebenso klar sein. Es ist immer von Vorteil, wenn man seine eigene Schlüsselgewalt mit einem Auftrag Gottes bzw. religiös begründen kann. Dann wird es ziemlich schwierig, die Art der Ausführung der Schlüsselgewalt zu kritisieren, weil dann gleich behauptet wird, dass dies geradezu Gotteslästerung und ein Sakrileg sei. Das werden natürlich auch die behaupten, die irgendwie von jeglicher Schlüsselgewalt leben.
Manche gehen sogar so weit zu behaupten, dass ein Missbrauch in neutestamentlichen Zeiten ausgeschlossen ist, was wir leider auch in den letzten Jahren schmerzlich als falsch erfahren mussten.
Ich muss gestehen, dass ich mit dem Evangelium etwas fremdle. Denn irgendwie scheint mir die Versuchung zu groß, bei aller Liebe zu Petrus als Fels, seine Menschlichkeit zu vergessen bzw. zu verdrängen.
Ich denke, dass jeder von uns auf seine Weise Schlüsselgewalt hat. Und es ist bei keinem ausgemacht, dass er sie vor allem liebevoll verwendet. Ich scheue mich auch, “die da oben” vorschnell zu kritisieren, weil es vermutlich nicht einfach sein wird, mit viel Machtkompetenz Schlüsselgewalt zu haben.
Die Versuchung zum Missbrauch der Schlüsselgewalt, ob klein oder groß, ist dann immer groß, wenn man sein Menschsein vergisst und auch jene Tatsache, das Schlüsselgewalt keine Ehre, sondern eine Verantwortung für die Gemeinschaft ist. Auch im christlichen Kontext ist Schlüsselgewalt eine gegebene, und zwar im Sinne und Geiste Gottes, wie wir es an vielen anderen Stellen der Bibel finden können. Es ist auch immer nötig, Kontexte mit einzubeziehen und Korrekturstellen nicht zu verdrängen.
Ich denke bei Jesus an die Fußwaschung, an jene Stelle, wo die Jünger sich fragen, wer der Größte sei und wo Jesus ein Kind zum Maßstab aller Schlüsselgewalt macht. Ich denke an seine Worte zum Thema Machtmissbrauch und seine Bitte, dass es bei uns nicht so sein soll und viele Stellen mehr, im Ersten, wie im Zweiten Testament.
Manchmal fehlt mir da auch ein bisschen Ehrlichkeit, vor allem auch Menschlichkeit und Demut, die weiß, dass wir niemals einfach Gott vertreten können, es sei denn, wir sind wirklich von der Liebe getragen und bewegt. Dann besteht nicht so sehr die Gefahr, dass von Schlüsselgewalt plötzlich nur noch Gewalt übrig bleibt und der Wunsch, das Menschsein mit allen Grenzen und Gebrochenheiten hinter Amt und Würden zu verstecken.
Was würde ich denn sagen, wenn man mich fragen würde, für wen ich den Menschensohn halte, ohne mich hinter leeren Katechismusmerksätzen zu verstecken? Ich glaube, ich würde ihn für den halten, als den er sich selbst bezeichnet, nämlich als Menschensohn, als Menschenbruder, so sehr, dass es geradezu göttlich ist, wie sehr er ein Menschensohn war und ist. Er hat Menschenherzen aufgeschlossen und geheilt, er hat Menschen an den Gott der Liebe gebunden und von allem gelöst, was Vertrauen, Hoffnung und Liebe in Ketten legen möchte. Er hat uns alle unser Gotteskindsein erfahrbar gemacht und uns in seinem Geist einen Schlüssel in die Hand gegeben, der für die Liebe öffnet und für den Hass verschließt. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
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