(Jer 20, 7–18; Röm 12, 1–2; Mt 6, 21–27)
Liebe Schwestern und Brüder,
die Bekenntnisse des Propheten Jeremia gehen zu Herzen. Seine Berufung ist keine Ermutigung, sondern eine Zumutung. Wer hat schon Lust, gegen den Strom zu schwimmen, Gewalt und Unterdrückung in Worten und Taten beim Namen zu nennen, und zwar nicht nur in der sogenannten “bösen Welt”, sondern vor allem auch in der eigenen Religionsgemeinschaft?!
Es ist klar, dass das ziemlich einsam macht, wenn nicht sogar lebensgefährlich ist.
Der Ausschluss aus der Gemeinschaft ist bis heute eine harte Strafe, der wir uns allen, wenn möglich, entziehen möchten.
Dann traut man sich nicht mehr zu widersprechen, wo scheinbar alle einer Meinung sind und so tun, als hätten sie schon deswegen die Wahrheit auf ihrer Seite. Da wagt man keine Kritik an denen, die das Sagen haben, weil einem deren Wohlwollen so wichtig scheint.
Also wir merken schon, dass das alles nicht so einfach ist. Jeremia erfährt seine Berufung also in diesem Augenblick nicht als Bereicherung, nicht als Schatz in dem berühmten Acker, nicht als Erfüllung seiner Träume, nicht als fast schon himmlisch behauptete Seligkeit. Nein, seine Berufung fühlt sich an, wie eine Zumutung, wie eine abzuschüttelnde Last.
Gott beruft nicht selten sehr geschickt. Sein Ruf fühlt sich an wie süßer Wein, wie eine Verheißung ständiger Seligkeit im Schoße Gottes. Man geht der Berufung sozusagen in die Falle, wie manchmal der Liebe, und kommt aus der Nummer nicht mehr raus. Nun ist sie wie ein Gepacktsein, wie eine Überwältigung wider Willen.
Auch, wenn man das Denken an Gott einstellen will, geht es nicht mehr. Es brennt wie Feuer in einem und lässt einen nicht mehr los. Statt Leute zu bestätigen und einzustimmen in Worte und Taten, die eigentlich gewalttätig sind und unterdrücken, muss man diese Heuchelei, oft in sehr religiösem Gewand, beim Namen nennen.
Wer wagt es wie Jeremia, Gott so zur Rechenschaft zu ziehen? Ihn anzuklagen wegen all der unbegreiflichen Not in der Welt, wegen mancher Schicksale, die so ungerecht erscheinen?! Hat noch niemand angesichts von Gewalt und Unrecht in der Welt mal Zweifel am “Gott der Liebe” gehabt? Wie schwer sind die zu äußern, wenn alle nur dauernd Halleluja singen wollen und alle Kritik am Gott der Liebe nur als schreckliche Blasphemie begreifen?! Jeremia liebt seinen Gott und kann nicht anders, als im Namen eines liebevollen Gottes Gewalt und Unterdrückung anzuklagen. Es geht hier nicht um zu wenig Religiosität, es geht hier um zu wenig Liebe, die Gott immer aller bloßen, religiösen Leistung und Praxis vorzieht, und die nicht selten bloß für einen selber ist und nur sich selbst groß macht und andere klein. Das nennt man auch “Gewalt und Unterdrückung”.
Gott will auch von Jesus kein Kreuz und Leiden. Da hat Petrus schon recht. Aber wer so liebt, wie Jesus, kommt leider an Leiden nicht vorbei. Hinter Jesus hergehen heißt nicht, sein eigenes Leben nur festhalten zu wollen für sich. In der Hingabe findet man Leben. Lieben kann leiden, sich selbst mal vergessen. Aber ohne Selbst kann keiner Lieben und Leben.
Petrus wollte verständnisvollerweise Jesus an der Liebe bis zum Äußersten hindern. Er hat recht: Gott will nicht das Leiden, er will Liebe und Leben, Verwandlung des Denkens, Redens und Tuns. Und das tut halt auch weh. Wer liebt, weiß das. Aber Nichtlieben ist Nichtleben und letztlich auch Nichtglauben. Wir können Gott immer wieder nur bitten: „Herr, ich möchte glauben, hilf meinem Unglauben!“ Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
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