(Ez 33, 1–9; Röm 13, 8–10; Mt 18, 15–20)
Liebe Schwestern und Brüder,
das Thema der ersten Lesung aus dem Buch Ezechiel und dem Stück aus dem Matthäus-Evangelium scheint “Kritik” und “Zurechtweisung” zu sein. Zugleich erscheinen sie mir doch recht merkwürdig und anfällig für Missbrauch. Trotzdem ist es ein schwieriges Thema im Zusammenleben, das aber nicht ausgeklammert werden darf.
Sicher geht es hier nicht um Kritiksüchtige und Moralapostel, die kräftig austeilen, aber Kritik selbst kaum ertragen können. Hier ist auch nicht jene Kritik gemeint, die so gnadenlos und unbarmherzig daherkommt, dass sie jegliche Wertschätzung und Einfühlung vermissen lässt.
Vielleicht sind die anfangs erwähnten Sätze des heiligen Paulus an die Römer so etwas wie eine Richtschnur für jegliche Art von Kritik. “Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses”, heißt zunächst einmal nicht, dass Kritik verboten ist, weil sie natürlich immer auch weh tut. Aber Kritik macht in einer liebevollen Haltung nicht nieder, stampft die Persönlichkeit des kritisierten Menschen nicht in Grund und Boden und stürzt ihn nicht in den Abgrund kompletter Wertlosigkeit. Das führt zu Recht nur in eine Abwehrhaltung, die nichts annehmen kann. Soweit die Theorie, die leider in wirklichen Leben selten umgesetzt wird.
Und trotzdem finde ich, dass es eine der schwersten Anforderungen der Liebe ist, einem Menschen berechtigte Kritik zuzumuten. Nicht, um Recht haben zu wollen, nicht, um dem anderen endlich mal die Meinung zu sagen und ihm eins reinzudrehen, so verständlich wie das manchmal auch ist. Es geht hier auch nicht gleich um Extremfälle, mit denen man auch nicht weiterkommt. Es geht ganz einfach darum, den anderen das Nachdenken zu ermöglichen, um vielleicht in dem einen oder anderen Punkt weiter zu wachsen. Dabei gibt es oben wie unten niemanden, der sich hinstellen und behaupten könnte, frei von allem kritikwürdigen Verhalten zu sein. In der Regel sind es ausgerechnet diese, die völlig erbarmungslos und lieblos Kritik üben.
Ich meine sogar, das es schwer fallen muss, Kritik zu üben und es überhaupt keinen Spaß macht, dies zu tun.
Mir kommt die Anweisung des Herrn in der ersten Lesung sehr hart vor. Aber wenn jemand den Ast absägen will, auf dem er sitzt, dann kann das einfach nicht gut gehen.
Ja, die Interpretationen dieser Texte lässt sehr viel unterschiedliche und auch gegensätzliche zu. Und es macht einen Unterschied, wer kritisiert und wer kritisiert wird. Aber in einer Gemeinschaft, die sich die Liebe auf die Fahnen geschrieben hat, sollte heilsame, wenn auch schmerzliche, Kritik möglich sein, um Wachstum und notfalls Umkehr zu ermöglichen.
Das soll heute wenigstens der Wunsch sein.
Matthäus meint im Evangelium, wenn einer nicht hört, dann sei er für uns wie ein Heide oder ein Zöllner. Da hat er aber gerade vergessen, dass Jesus an anderer Stelle ein “Freund der Zöllner und Sünder” genannt wird.
Wir werden das vielleicht alles nicht so gut hinbekommen. Aber im Blick auf Jesu Liebe und Verstehen, bin ich gern ein „Zöllner, Sünder und Heide“. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
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