(Weish 9, 13–19; Phlm9b-10.12–17; Lk 14, 25–33)
Liebe Schwestern und Brüder,
im Mittelalter gab es noch sogenannte „Universalgelehrte“, die das Wissen ihrer Zeit in sich vereinigen konnten. Das ist heute praktisch unmöglich, nicht nur, dass das Menschheitswissen enorme Ausmaße angenommen hat, nein, es tun sich auch unvorstellbare Welten auf, sobald man näher in den Mikro-wie Makrokosmos eindringt.
Uns ist manchmal gar nicht bewusst, wie unvorstellbar viele Aussagen sind, wie wenn wir zum Beispiel von Milliarden von Lichtjahren reden. Angesichts komplexer Zusammenhänge neigen ja manche gerne zu einfachen Beschreibungen. Aber das wird der sogenannten Wirklichkeit in keiner Weise gerecht.
Es ist also überaus problematisch, im Besitz absoluter Wahrheiten sein zu wollen, es sei denn, die absolute Wahrheit besteht darin, so gut wie nichts zu wissen. Wenn das schon in irdischen Bereichen so ist, wie erst recht in den himmlischen und vor allem in dem, was das Geheimnis „Gott“ betrifft. Es mag sein, dass sich das Geheimnis „Gott“ manchmal kundtut. Aber damit erklärt es sich nicht, sondern bestärkt das Vertrauen, dass es da ist, und zwar mit unvorstellbarer Liebe und Güte, wie wir es im Leben von Jesus von Nazareth gesehen haben.
In der ersten Lesung aus dem Buch der Weisheit wurden diese Gedanken praktisch schon ausgesprochen, wenn es da hieß: “Welcher Mensch kann Gottes Plan erkennen oder wer begreift, was der Herr will?” (V13). Oder: “Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht und finden nur mit Mühe, was auf der Hand liegt, wer ergründet, was im Himmel ist?” (V16).
Sollten wir mit diesem Wissen nicht manchmal etwas demütiger umgehen im Bezug auf das, wer oder wie Gott ist und was er will und was nicht? Sicher, als Christen glauben wir, dass er in Jesus ein wundervolles Wort gesprochen hat, aber das berechtigt uns noch nicht, so zu tun, als wären wir damit im Besitz einer absoluten Wahrheit, die bei uns eh keine Theorie, sondern ein Jemand ist.
Wenn jemandem Weisheit und Heiliger Geist aus der Höhe gesandt wurde, wie es im Buch der Weisheit weiterhin hieß, dann waren und sind es die Propheten und Prophetinnen, auch unserer Zeit, die nicht ausgebildet und gesandt wurden von religiösen Zentralen, sondern die Gottgesandte waren und sind und dafür nicht selten ihr Leben lassen mussten.
Von Weisheit und heiligem Geist ist für uns Christen natürlich vor allem Jesus von Nazareth erfüllt, der mit große Entschiedenheit für Liebe und Barmherzigkeit besonders für die eintrat, denen man jegliches Wissen über Gott und gottgemäßes Tun absprach. Jesus kritisierte die Überheblichkeit und das vermeintliche Wissen der Wissenden und stellte statt Wissen das Herz in die Mitte seiner Verkündigung, das Herz der Menschen, aber vor allem auch das Herz Gottes. Geborgen und gehalten in und von diesem, sollten wir frei werden für ein Leben, das nicht nur besitzt oder besetzt ist von familiären oder gemeinschaftlichen Banden, von vermeintlichem Wissen, das andere unterdrückt und so weiter und sofort.
Hinter Jesus herzugehen, bedeutet, seinem Geist und der Weisheit seines Lebens zu folgen und immer mehr das zu werden, was er selber war: ein liebevoller Mensch bis in letzte Konsequenzen. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
