(Jes 55, 6–9; Phil 1, 20ad-24.27a; Mt 20, 1–16)
Liebe Schwestern und Brüder,
der Wunsch des Menschen, verstehen zu können, was im Leben passiert, was der Sinn des Lebens ist, dieser Wunsch ist verständlich und menschlich. Und doch ist es oft so schwer, zu verstehen. Zu komplex erscheinen die Dinge des Lebens, auch des persönlichen, wie auch des religiösen.
Ich werde immer skeptisch sein, wo Antworten schnell und einfach gegeben werden, wo zu schnell versucht wird, Kompliziertes plausibel zu machen. Zugleich verstehe ich die Sehnsucht danach und auch die Versuchung, im Schwarz-Weiß-Denken stecken zu bleiben. Leider hat das ja ganz praktische Konsequenzen im Leben und im Miteinander. Nicht selten wird dann die Komplexität des Lebens geleugnet und bis aufs Messer verteidigt. Denn es macht Angst und verunsichert, einen gewissen Halt zu verlieren.
Vielleicht machen wir uns dann manchmal auch zu wenig klar, dass das gar kein Halt, sondern nur eine Illusion ist. Ent-täuschungen tun zwar weh, aber manchmal machen sie eben offenbar, dass wir einer Täuschung erlegen waren und einen besseren Halt brauchen. Dieses Dazwischen ist sehr schlecht auszuhalten und, wie man so schön und leicht sagt, alternativlos.
Ich denke, dass das allen Menschen zu allen Zeiten so gegangen ist. Nur, weil wir heute Internet, Computer und Handys haben, sind wir im Bezug auf Lebens- und Menschheitsfragen nicht unbedingt sehr viel weiter, wenn überhaupt.
Ich beziehe das auch ausdrücklich auf religiöse Fragen, die mir ebenso oft zu schnell und einfach auf einer intellektuellen Ebene beantwortet werden.
Wenn der Prophet Jesaja heute im Namen Gottes spricht: „meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege“ (Jes 55,8), dann haben eben zu allen Zeiten schon Menschen darüber gerätselt, wie die Dinge und Schicksale des Lebens mit dem Gottesglauben in Einklang zu bringen sind, der ja uns liebt und unser Heil will. Wir müssen Gott nicht gleich verteidigen, wo wir ihn nicht verstehen oder besser, wo wir das Leben nicht verstehen. Gott kann sich ganz gut selbst verteidigen, auch, wenn er das oft nicht tut.
Manchmal vergessen wir ja auch, wenn wir in Fragen eingeklemmt sind, das es ja so viel Schönes im Leben auch gibt. Da vergessen die Arbeiter der ersten Stunde im Evangelium, dass sie froh waren, überhaupt einen Job bekommen zu haben, um ihre Familie ernähren zu können. Ihr Neid und Nichtverstehen macht sie blind für dieses eigentliche Geschenk.
Kurz und klein, was machen wir denn nun mit den ungelösten Fragen, mit dem schmerzlichen Nichtverstehen? Wir müssen es leider erst einmal zur Kenntnis nehmen und stehen lassen. Verrückterweise ist „Glauben“ als „Vertrauen“ der einzige Weg, um angemessen damit umzugehen. „Gott“ ist die Verheißung, dass alles gut gehen wird, selbst da, wo es gerade nicht gut geht. Diesen Glauben wünsche ich uns und ebenso eine Liebe, die durch die vielen „Warum“ nicht ausgebremst wird.
So hat es uns jedenfalls Jesus vorgelebt. Darum ist er tatsächlich unsere Hoffnung wider alle Hoffnung und eine Bestärkung unseres Lebens. Amen.
(P. Thomas Röhr OCD)
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