(Jes 35, 1–6b.10; Jak 5, 7–10; Mt 11, 2–11)
Liebe Schwestern und Brüder,
Prediger neigen dazu, die Leute immerzu zu ermahnen oder sie vor den Gefahren der sogenannten „Welt“ zu warnen. Kinder werden zum Religionsunterricht angemeldet, damit sie Werte lernen und moralische Menschen sind und werden. Aber ist das der Sinn von Kirche und Religion?
Der Theologe Johann Baptist Metz pflegte immer zu sagen: „Das Christentum hat eine Moral, aber es ist nicht Moral!“ Was ist es dann?
Das sehen wir heute sehr schön in den biblischen Texten, besonders in der ersten Lesung und dem Evangelium, die in der Regel einen Bezug zueinander haben. Es sind eben keine moralischen Predigten, noch malen sie ständig den Teufel des Zeitgeistes an die Wand. Es sind tröstliche und ermutigende Worte, die unseren Ohren, Herzen und Seelen einfach nur gut tun. Wir verbinden mit Religion ja oft nur heilige Ernsthaftigkeit. Manche meinen gar, richtig fromm sei man nur, wenn man wie Buddha mit geschlossenen Augen und im Schneidersitz meditiert. Das alles ist sicher hilfreich und gut. Doch heute, am Gaudetesonntag, wird uns zugerufen, das jauchzen, frohlocken und jubeln auch fromm und gottgefällig sind. Eine Gottesbeziehung, wie sie sich Gott selber vorstellt, ist eine frohe und heilsame.
Was für schöne und ermutigende Worte findet heute Jesaja! Wer predigt denn wo solche schönen Worte zu den Menschen, die man nicht dauernd mit erhobenem Zeigefinger ermahnen muss. Ihr Leben ist oft schon schwer genug und der Moralapostel gibt es auch genug, die das Leben auch nicht viel besser und schon gar nicht leichter machen.
Vielleicht war Johannes der Täufer auch ein bisschen zu moralisch in seiner Predigt. Er erwartete einen Messias, der endlich mal auf den Tisch haut und aufräumt. Darum ist er verunsichert und mit ihm wären es auch heute viele. „Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?“(Mt 11, 3)
Was war sein Problem? Jesus war eben nicht der Moralapostel, sondern einer, der die Not der Menschen gesehen hat und Abhilfe schaffen wollte. Er zeigte, dass Gott nicht kommt, um zu strafen, sondern um zu heilen. Er zeigte, dass schon Jesaja wusste, was Gott will, nämlich Heil für Seele und Leib, Jubel, Jauchzen und Frohlocken, wo Gott Lebenswenden und Heil schenkt. Menschen, die sich so unbändig freuen, dass sie wie Hirsche umherspringen. Da, wo Gott ist und Befreiungsgeschichten in Gang setzt, da ist Jubel und Freude, da gibt es keine Trauerklöße mit einem Abo auf Kummer und Seufzen.
Können wir eine solche Gottesbeziehung glauben und zulassen? Trauen wir uns, einen solchen Gott zu erwarten, der nicht unsere tolle Moral und die vielen, religiösen Verdienste, sondern der will, dass wir uns von ihm erst einmal einfach nur lieben, befreien und heilen lassen! Warum? Weil er sich nach Menschen sehnt, die selbst liebevoll und heilsam sind. Da kommt dann Gott immer an, da ist Advent, vielleicht mitten im Sommer. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
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