3. Fas­ten­sonn­tag-Le­se­jahr B (07.03.2021)

(Ex 20, 1–17; 1 Kor 1, 22–25; Joh 2, 13–25)

Lie­be Schwes­tern und Brü­der,
wo Men­schen zu­sam­men­le­ben, geht es oh­ne Ver­ein­ba­run­gen bzw. Ge­set­zen, oh­ne Kom­pro­mis­se nicht ab. Zu ver­schie­den sind wir als In­di­vi­du­en, zu un­ter­schied­lich der Rei­fe­grad an Mensch­lich­keit und Lie­be. Da sind 10 Ge­bo­te oder Wei­sun­gen ei­gent­lich nicht viel. Es gibt zwei Fas­sun­gen der 10 Ge­bo­te. Ei­ne steht im Buch Deu­te­ronó­mi­um Ka­pi­tel 5, die an­de­re ha­ben wir heu­te aus dem Buch Exo­dus ge­hört bzw. ge­le­sen. Um die­se Ge­bo­te in ih­rer Wich­tig­keit zu un­ter­strei­chen und zu be­grün­den, wer­den sie in re­li­giö­sen Ge­schich­ten auf Gott sel­ber zu­rück­ge­führt. In ei­ner Welt, die zu­neh­mend und auch aus­drück­lich oh­ne Gott aus­kommt, kann man kaum noch Ge­set­ze mit dem Ver­weis auf Gott be­grün­den. Das be­deu­tet des­we­gen aber nicht, dass es dann in un­se­rer Welt drun­ter und drü­ber geht. Denn Gott ver­birgt sich in Men­schen­rech­ten, in Grund­ge­set­zen und jeg­li­chen For­men von ge­leb­ter Mensch­lich­keit. Es ist ja auch lan­ge nicht aus­ge­macht, dass da, wo Gott noch ei­ne grö­ße­re, öf­fent­li­che Rol­le spielt, au­to­ma­tisch ei­ne lie­be­vol­le­re Ethik und Pra­xis herrscht. Das wi­der­legt schon ein un­vor­ein­ge­nom­me­ner Blick in die Ge­schich­te.
Das Be­son­de­re an den 10 Ge­bo­ten, grie­chisch „De­ka­log“ ge­nannt, ist, dass sie nicht mit ei­nem Ge­bot, son­dern mit ei­ner Er­in­ne­rung be­gin­nen. Gott er­in­nert uns dar­an, dass er ein Gott der Be­frei­ung ist. Über­all da, wo wir aus Eng­her­zig­keit, aus in­ne­ren und äu­ße­ren Ge­fan­gen­schaf­ten be­freit wur­den und wer­den, da war es Sein Werk, weil wir es näm­lich im­mer wie ein als lan­ge er­sehn­tes Wun­der emp­fin­den und im Nach­hin­ein als sol­ches er­fah­ren ha­ben wer­den. Die Ant­wort dar­auf kann nur de­mü­ti­ge Dank­bar­keit sein und der Wunsch, es an­de­ren eben­falls zu Er­fah­rung wer­den zu las­sen.
Die Dank­bar­keit Gott ge­gen­über drückt sich im ers­ten Teil der 10 Ge­bo­te aus. Denn sie be­han­deln Wei­sun­gen zwi­schen Gott und Mensch. Wer ei­nen gu­ten Arzt ge­fun­den hat, wird ihn kaum für ei­nen Schar­la­tan ver­las­sen. Lei­der ist das im­mer wie­der durch die Ge­schich­te, auch des Chris­ten­tums, die schmerz­haf­te Er­fah­rung Got­tes. Und aus­ge­rech­net da, wo das re­li­giö­se Le­ben schein­bar zu blü­hen scheint, da wird Gott oft zum Ge­schäfts­part­ner de­gra­diert oder als mo­ra­li­sche Keu­le miss­braucht. Kein Wun­der, dass das auch Je­sus in Ra­ge ge­bracht hat, wie man im heu­ti­gen Evan­ge­li­um ge­hört bzw. ge­le­sen hat. Denn statt ei­ne lie­be – und ver­trau­ens­vol­le Got­tes­be­zie­hung zu för­dern und zu un­ter­stüt­zen, wur­den und wer­den mit Gott Ge­schäf­te ge­macht, in de­nen man sich Got­tes Lie­be und Zu­wen­dung er­kau­fen, er­be­ten und ver­die­nen konn­te und kann.
Auch, wenn wir in ei­ner sog. „frei­heit­li­chen“ Ge­sell­schaft le­ben, wird un­ser Le­ben oft von in­ne­ren und äu­ße­ren Zwän­gen ein­ge­engt. Für Gott­su­cher und Gott­gläu­bi­ge aber ist „Gott“ ein an­de­res Wort für ei­ne in­ne­re Frei­heit, die uns ei­ni­ger­ma­ßen vor le­bens­ein­engen­den Ma­ni­pu­la­tio­nen und dem Druck ei­ner gleich­ge­schal­te­ten sog. „Öf­fent­lich­keit“ be­wahrt.
Im Er­öff­nungs­vers hieß es heu­te aus Psalm 25: „Mei­ne Au­gen schau­en stets auf den Herrn; denn er be­freit mei­ne Fü­ße aus dem Netz.“ Die­se Er­fah­rung wün­sche ich uns im­mer wie­der neu, da­mit wir in Sei­nen Spu­ren selbst zu Be­frei­ern für Men­schen und Ge­schöp­fen wer­den, wo im­mer es geht. Da muss nicht gleich „Kir­che“ oder „Gott“ drauf­ste­hen. Aber im­mer be­deu­tet es ein Mehr an Le­ben, Mensch­lich­keit und Lie­be. Das al­les sind an­de­re Wor­te für „Gott“, der auf vie­le Wei­sen, manch­mal auch schein­bar tö­rich­te und schwa­che, na­he und ge­gen­wär­tig sein möch­te. Amen.

(P. Tho­mas Röhr OCT)