(Jes 7, 10–14; Röm 1, 1–7; Mt 1, 18–24)
Liebe Schwestern und Brüder,
eine Redewendung sagt: „Träume sind Schäume“. Hätte das Josef geglaubt, wäre die biblische Geschichte wahrscheinlich anders verlaufen. In Wirklichkeit ist es mit Träumen gar nicht so einfach. Seriöse Traumforscher sagen das auch. Es ist eine gewisse Vorsicht geboten, besonders mit Leuten, die Träume angeblich leicht deuten können.
In der Bibel träumt sich oft Gott selber in die Herzen und Gedanken von Menschen, um ihnen eine Botschaft zu vermitteln. Josef wird ja gerne als Vorbild des Gehorsams dargestellt. Das mögen natürlich besonders Leute, die den gerne von anderen verlangen. Nur dumm, dass Gehorsam in der Bibel nicht preußisch, sondern dialogisch ist. Das ist kein Kadavergehorsam, sondern ein aufmerksames Hören auf die Stimme des Herzens.
Da träumt sich Gott, wie gesagt, sanft in den Pulsschlag des Herzens und hofft, dass es die leise und zarte Stimme Gottes wahrnehmen kann. Josef ist also einer, der Träume hat und auf seine innere Stimme hören kann. Darin ist er dem Josef aus den Erzelterngeschichten des Ersten Testamentes nicht ganz unähnlich. Kann sein, dass das eine besondere Stärke der Josefs ist, auf die Stimme ihres Herzens und darin auf die Stimme Gottes zu hören.
Josef ist nicht der laute Mann, dessen Stärke der Umfang des Bizeps ist. Josef Stärke ist seine Zärtlichkeit und die Größe seines Herzmuskels. Nicht nur bei Maria nämlich wirkt der Heilige Geist, sondern auch bei Josef, dem er wie Maria erst einmal das berühmte, göttliche „Fürchte dich nicht!“ zuruft.
Auch wenn Josef freilich noch nichts von dem französischen Philosophen, Mathematiker und Physiker Blaise Pascal wissen konnte, so hat er gelebt, was Pascal so schön formulierte: „Das Herz hat Gründe, die der Verstand nicht kennt.“
Josef betrachtete Maria nicht als seinen Besitz, sondern liebte sie wirklich als Mensch und Frau, indem er sich nicht an ihrer Bloßstellung ergötzte und sich an ihr rächte, sondern sie in aller Stille in ihr Leben entlassen und loslassen wollte.
Mit Gottes Hilfe und Geist begreift er im Herzen, dass alles Leben durch das Wirken des Heiligen Geistes entsteht und die Liebe durchaus auch mal Unverständliches aushalten kann. Josef bleibt bei Maria, weil er träumerisch in seinem Herzen erkennt, wie sehr Gott selber auf krummen Zeilen gerade schreibt, auch in unserem Leben.
Tatsächlich ist Josef ein Vorbild für einen Menschen, der wie Maria in seinem Herzen erwägt und auf seine innere Stimme hört, notfalls auch mal gegen die, die einfachheitshalber gerne mit Gehorsam durchregieren wollen. Was Maria und Josef zutiefst verbindet, ist die gemeinsame Erfahrung des „Gott mit uns“, mitten in den krummen Zeilen des Lebens, in die sich Gott gerne hineinträumt und liebevoll gerade schreibt.
Das wünsche ich uns zu Weihnachten und darüber hinaus. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
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