(1 Sam 16, 1b.6–7.10–13b;Eph 5, 8–14; Mt 9, 27–31)
Liebe Schwestern und Brüder,
wie ich schon in der Einführung sagte, bezieht sich der Name des Sonntags „Laetare“ auf den Eröffnungsvers, der jeder Eucharistiefeier vorangestellt ist. Und wie ich ebenfalls schon sagte, hat man die Anklänge eines weiblichen Gottesbildes in der neuen Einheitsübersetzung schön wegübersetzt.
Nochmals zum Vergleich die Einheitsübersetzung und dann die Zürcher Bibel von 2007, die da ehrlicher übersetzt. In der Einheitsübersetzung heißt es also: „Freue Dich, Stadt Jerusalem! Seid fröhlich zusammen mit ihr, alle, die ihr traurig wart. Freut euch und trinkt euch satt an der Quelle göttlicher Tröstung“. Das klingt doch gut und lässt uns an eine Quelle mit frischem, sprudelnden Wasser denken.
In der Zürcher Bibel klingt der gleiche Vers so: „Freut euch mit Jerusalem, und jauchzt über sie, alle, die ihr sie liebt! Frohlockt von Herzen mit ihr, alle, die ihr um sie trauert! Damit ihr trinkt und satt werdet an der Brust des Trostes, damit ihr schlürft und euch erquickt an ihrer prall gefüllten Mutterbrust“.
Das klingt natürlich ganz anders und wird so Manchen beim Übersetzen und Hören und Lesen peinlich sein. Aber warum sollen wir den wahren Sinn dieser Stelle nicht sehen dürfen? Passt das nicht zu einem Gottesbild, das unbedingt männlich sein muss? Nimmt man Leser wirklich ernst, wenn man ihnen vorschreibt, was sie lesen und sehen sollen? Da soll man praktisch blind sein für eine Wahrheit, die uns die Heilige Schrift über das Geheimnis Gott lehren will.
In der ersten Lesung aus dem Buch Samuel hieß es in Bezug auf die Erwählung Davids: „Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.“ (1 Sam 16,7)
In der Zürcher Bibel heißt es so: „Der Mensch urteilt nach den Augen, der Herr aber urteilt nach dem Herzen.
Blind sind wir also, wenn wir nur sehen, was wir sehen wollen, was unsere Vorstellungen vom Leben, von Gott, von anderen, von uns selber sind. Damit aber verkürzen wir unsere Wirklichkeit, so, wie wenn man nur noch das Negative sieht, so, wie man Menschen nur auf eine Seite ihres Wesens festlegt und ihnen nicht erlaubt, größer zu sein. Um aber von dieser einengenden Sicht und letztlich von großen blinden Flecken der Augen geheilt werden zu können, ist es nötig, zu sehen, wie sehr man der Heilung bedarf. Dieser Schritt ist fast noch schwerer, als damit aufzuhören, die Sicht anderer einzuschränken, indem ich ihnen vorschreibe, was sie zu sehen haben und was nicht. Das gilt eben auch für unsere Sicht auf Gott, die nicht groß genug gedacht werden darf.
Das meint doch auch Umkehr, Umdenken, größer denken, und zwar nicht nur im Bezug auf Gott, sondern auch in Bezug auf andere, in Bezug auf uns selber, und alle Wirklichkeit.
Freuen wir uns heute am Laetare-Sonntag darüber, dass Gott nicht blind ist, dass er uns mit den Augen des Herzens sieht und uns helfen will, dass wir in seine Sichtweise mehr und mehr hineinwachsen! Die Frage ist nur, wie wir auf die Frage Gottes antworten, die Jesus im Evangelium den beiden Blinden stellt: „Glaubt ihr, dass ich dies tun kann?“ Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
https://gotteswort-weiblich.annette-jantzen.de/4‑fastensonntag-a-zur-ersten-lesung
