(Ez 34; 1 Petr 5, 1–7; Joh 10, 1–10)
Liebe Schwestern und Brüder,
das Bild vom Guten Hirten könnte man wieder so verniedlichen, wie Weihnachten, um möglichst beunruhigende Anfragen zu vermeiden und Konsequenzen für Praxis und Strukturen geschickt auszublenden. Das gelingt ja eigentlich immer ganz gut.
Schlimm wird es vor allem dann, wenn man besonders Wert darauf legt, dass die Schafe folgsam sind. Dabei geht es heute bei näherem Hinsehen gar nicht um die Schafe, sondern um die Hirten und das Selbstverständnis ihres Hirteseins. Und man sollte auch nicht zu schnell nur an „die da oben“ denken, weil jeder von uns irgendwie einen Auftrag als Hirte oder Hirtin hat.
Die Sehnsucht der Menschen nach einem Guten Hirten ist sehr alt, wie wir bei Ezechiel heute schon gesehen haben. Und Gott selber scheint nicht sehr glücklich über die zu sein, die sich so gern als Hirten bezeichnen. An Aktualität hat dieses Thema ja bis heute nichts verloren, wohl bis zur Vollendung der Welt bei Gott nicht.
Natürlich gibt es auch immer wieder gute Hirten und Hirtinnen. Aber der Normalfall scheint das nicht zu sein. Zu groß ist wohl immer wieder die Versuchung, Macht für Eigeninteressen zu missbrauchen.
Wie wir schon am Gründonnerstag bei der Fußwaschung gesehen haben, ging es Jesus sicher nicht darum, ihn nachzuspielen, sondern ihm vor allem in seinem Geist zu folgen. Das meint ja, durch die Tür, die Jesus ist, in den Schafstall, also zu den Menschen, zu gehen.
Nicht der erhöhte, sondern der irdische Jesus ist die Blaupause für alle, die Verantwortung für andere tragen. In seinem irdischen Leben können wir sehen und lernen, wie er Hirtendienst verstanden und gelebt hat.
Sicher kann man von einem menschlichen Hirten nicht erwarten, dass er alle seine Schäfchen einzeln beim Namen kennt. Aber ein bisschen persönlicher und menschennäher könnte es schon zugehen. Das wird bei immer größer werdenden Strukturen nicht unbedingt einfacher. Wie oft hört man da, dass sich Menschen verloren fühlen. Da klingt Manches beinahe so, wie bei Ezechiel im Kapitel 34.
Vielleicht ist der Gute-Hirte-Sonntag einfach auch eine Ermutigung, in immer größer werdenden Strukturen, in einer immer unübersichtlicheren und unsicheren Welt, in einer viel beklagten kälter gewordenen Welt und Kirche, das eigene Hirte- bzw Hirtinnensein nach Jesu Art neu zu entdecken. Schauen wir nicht nur auf „die da oben“, sondern seien wir gute Hirten und Hirtinnen vor Ort, wo immer wir auch sind. Klagen wir nicht nur über immer mehr Kälte, Egoismus und sozialen Medien-Irrsinn. Übernehme jeder, wo immer er ist, die Rolle eines guten Hirten, einer guten Hirtin, bei denen Menschen sich wohlfühlen, wo sie Mensch sein dürfen, Fehler machen können und wieder mehr menschliche Wärme ist. Denn der Gute Hirt schlechthin, der allein unser ganzes Vertrauen und unsere Liebe verdient, der will unser Leben, schon jetzt, und zwar in Fülle. So lasst uns bitten: komm, heiliger Geist, und lass uns füreinander gute Hirten und Hirtinnen sein. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
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