(Jes 32, 15–19; 1 Petr 2, 4–9; Joh 14, 1–12)
Liebe Schwestern und Brüder,
in dem Evangelium heute stecken wieder so viele Gedanken drin, dass man gar nicht weiß, wo man da anfangen und aufhören soll. Beim Predigen gilt ja auch eher der Satz: „weniger ist mehr!“ Dann probieren wir das mal.
Überhaupt geht es ja nicht darum, gleich alles verstehen zu wollen. Es genügt, wenn uns ein Satz berührt. Alles derzeit Unverdauliche kann dann liegen bleiben und vielleicht ein anderes Mal zur Blüte kommen. Und natürlich ist meine Sicht auch subjektiv und einseitig und muss von Ihren Gedanken, liebe Schwestern und Brüder, dazu ergänzt werden.
Ein Pfarrer versteht ja nicht schon deswegen alles besser, weil er ein Pfarrer und Studierter ist. Auch Jesus musste die Erfahrung machen, dass man ihn nicht ernst genommen hat, weil er ja nur der Sohn des Zimmermanns war, nicht studiert und auch keine Beauftragung irgendeiner religiösen Autorität hatte, so z.B. nachzulesen bei Markus, Kapitel 6, Verse 1 bis 6. Darum lehnten sie ihn ab, heißt es da.
Und vermutlich wäre das heute nicht anders.
Wenn Philippus zu Jesus sagt: „Herr, zeig uns den Vater, dass genügt uns“, dann ist das schon starker Tobak. Denn wer würde nicht gerne sehen wollen, wo Gott ist und wohnt, vor allem angesichts der unvorstellbaren Weite des Universums.
So verwegen die Bitte des Philippus ist, so überraschend ist die Antwort Jesu. „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen.“ Ich meine, auf Jesu Stirn stand sicher nicht „Sohn Gottes“, noch war er so einfach als Jesus zu erkennen, wie in Jesusfilmen gerne dargestellt wird.
Im Christentum sind bei der Gottesfrage und Gottsuche irgendwie alle auf diesen Jesus von Nazareth verwiesen. Aber nicht in dem, wie er aussah, wie er sich kleidete oder sowas, sondern in der Art und Weise, wie er unterwegs war, wie er von Gott sprach und ihn vor allem erfahrbar gemacht hat.
In jedem Fall war Jesus für viele heilsam unterwegs, heilsam für Seele und Leib. Er hat einen liebevollen Gott befreit aus dem Korsett religiöser Vereinnahmung durch Dogmen, Moral und Rechtschaffenheit.
Er hat die Gotteswächter beiseitegeschoben und alle Kleinen, scheinbar Gottlosen und Sünder in die Arme Gottes durchgewunken. Denn ausgerechnet an diesen konnte Gott seine barmherzige Liebe zeigen, die aller Leistungsfrömmigkeit entzogen ist. Bei Gott kann man sich nichts verdienen, sondern sich nur was schenken lassen, und das fällt uns so furchtbar schwer.
Jesus hat in seiner Menschlichkeit und Liebe Gott aus den Gefängnissen der Angst befreit und ihn wieder liebenswürdig und liebenswert gemacht. Denn nur so kann man doch Gott als Halt, Ermutigung und Hoffnung erfahren, als eine, die uns schon jetzt Wohnungen des Vertrauens baut, die uns Sicherheit und Geborgenheit schenken in einer Welt, die uns oft so ratlos macht und in einem Alltag, der manchmal unsere Kräfte zu überfordern scheint.
„Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“, das gilt nicht nur für Jesus, sondern für alle, die in seinem Geiste heilsam unterwegs sind, mit oder ohne Religion, als Mensch oder als anderes Geschöpf. Und so danken wir Philippus, dass er Jesus diese Bitte geäußert hat. Möge die Antwort Jesu unsere Augen und Herzen für die wundervolle Gegenwart des liebevollen und liebeswürdigen Geheimnisses Gottes öffnen und uns darin eine Wohnung des Vertrauens, der Hoffnung und der barmherzigen Liebe finden lassen. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
https://gotteswort-weiblich.annette-jantzen.de/5‑sonntag-der-osterzeit-a-zur-1-lesung
(Apg 6, 1–7)
