(Apg 15, 1–30; Offb 21, 10–14.22–23; Joh 14, 23–29)
Liebe Schwestern und Brüder,
der Text des Evangeliums stammt aus den sog. „Abschiedsreden“ des Johannesevangeliums. Überhaupt hält Jesus im Evangelium des Johannes lange Reden, die selbstverständlich kein Mensch mitgeschrieben haben kann. Sie sind gläubige Kompositionen, die Johannes bzw. das Redaktionsteam des Evangeliums Jesus in den Mund gelegt hat. Wir haben ja in den Evangelien keine historischen Berichte, sondern Glaubensschriften, die uns die Botschaft und das Wirken Jesu nahe bringen und in uns eine vertrauensvolle Beziehung zu Jesus und Gott erwecken wollen.
Es ist schon erstaunlich, wie sehr Übersetzer den Ton einer Stelle bestimmen können. Es hieß ja am Anfang des Evangeliums: „Wenn jemand mich liebt…“. Das klingt wie eine Bedingung. Tatsächlich kann man auch übersetzen: „Sobald mich jemand liebt…“! Das klingt schon anders.
Auch hier geht es wie in der 2. Lesung aus der Offenbarung um „Gotteshäuser“. Und die sind nicht aus Stein, sondern aus Fleisch und Blut. Ist es nicht eine großartige Vorstellung, dass wir selbst eine Wohnung Gottes sind? Und muss es uns nicht betroffen machen, wie wir Menschen einander oft behandeln? Jedenfalls nicht als „Wohnungen Gottes“. Wenn wir uns doch alle als Wohnungen Gottes begegnen und wertschätzen könnten!
Wer also Gott sucht, muss nicht einen Ort draußen, sondern einen „Ort“ innen suchen. Und vermutlich hängt damit auch unser größtmögliches Glück und unser Frieden zusammen. Unsere Sehnsucht, also unser sehnsüchtiges Suchen, meint nicht zuerst Amazon, sondern das Universum Gotteshaus unseres eigenen Innern. Eigentlich brauchen wir kein äußeres Gotteshaus und dessen Personal nicht, weil wir selber ein Gotteshaus sind.
Bedenken wir wieder vor allem dies: es heißt nicht: wenn einer richtig katholisch ist, täglich betet, zur Beichte geht und seine Kirchensteuer bezahlt, dann kommt Gott, sondern es heißt: wenn einer mich liebt! Und wie liebt man Jesus, Gott? Sobald jemand die Sprache der Liebe spricht und lebt, spiegelt dieses Leben die liebevolle Gegenwart Gottes wider, egal, ob er das weiß oder nicht, ob er religiös ist oder nicht.
Und noch konkreter heißt das: sorge für Wohlwollen in deinen Beziehungen, in deiner Umgebung. Lebe Empathie für Menschen, Tiere, Pflanzen. Protestiere gegen allen Hass, alle Gewalt, alle Ausgrenzung, alles Unmenschliche und liebe-lose Tun. Liebe ist dort, wo jemand in stiller Sorgfalt den mühsamen Alltag zu leben versucht. Wo Menschen solidarisch und wertschätzend miteinander umgehen, wo Hoffnung und Zuversicht gesät wird und nicht Angst und Schrecken. Damit das gelingt, brauchen wir tatsächlich die Kraft des Heiligen und heilenden Geistes.
Friede soll in unseren Herzen sein, man könnte auch Zufriedenheit sagen und Vertrauen und Zuversicht. Einen Menschen lieben, heißt auch, ihn frei, sein eigenes Leben leben zu lassen.
Vielleicht ist ein Spruch des alten, chinesischen Philosophen Konfuzius ein schönes Amen dazu. Er sagt: „Was du liebst, lass frei. Kommt es zurück, gehört es dir – für immer“.
Und genau so wollen wir auch Jesus und Gott lieben, die in der Liebe gegenwärtig bleiben und in Liebe kommen werden. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
