(Jes 40, 27–31; 2 Kor 1, 3–11; Mt 7, 24–29)
Liebe Schwestern und Brüder
“Stärke was dich trägt”, so lautet also das Leitwort der diesjährigen Diasporaaktion. Dazu muss ich natürlich wissen, was mich trägt, und ob es mich wirklich noch trägt und wie ich das dann im Alltag stärken kann.
Manchmal könnte man fast den Eindruck haben, als müsste man die Christen in der Diaspora bedauern. Manche sprechen gar davon, dass Deutschland Missionsland sei, wobei ich mich immer frage, was damit eigentlich gemeint ist.
Nun lebe ich schon ziemlich lange in der Diaspora und tue es sehr gerne. Es muss mich also niemand bedauern. Auch habe ich nicht das Gefühl, dass andersgläubige bzw. mehrheitlich religionsfreie Menschen weniger Wertvorstellungen haben als ich. Sicher, religionsfreie Menschen haben mit Religion oder Gott nichts am Hut. Und sie wollen auch nicht missioniert werden. Wenn ich ihnen einreden wöllte, dass ihnen doch “Gott” zum Leben fehlt, dann würden sie nur müde lächeln. Und damit kommen manche sogenannte “Gläubige” überhaupt nicht klar, dass man auch ohne Gott gut und rechtschaffen leben kann. Das ist eher eine Frage an die, die das beunruhigt, dass sie das zur Kenntnis nehmen müssen.
Insofern ist die Frage gut, was mich nun eigentlich trägt. Volkskirchliche Strukturen sind es nicht mehr. Volle Stadien bei Katholikentagen sind es für mich auch nicht. Nicht die Masse stärkt mich und meinen Glauben, sondern konkrete Menschen, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie aus demselben Geist zu leben versuchen, wie ich. Und man mag es mir glauben oder nicht, das sind auch religionsfreie Menschen.
Zu Recht weist Paulus in seinen Briefen immer wieder darauf hin, dass es darauf ankäme, aus dem Geist zu leben und nicht nur äußerlich, sondern vor allem innerlich ein neuer Mensch zu sein. Und wie wir heute im zweiten Korintherbrief gehört haben, kannte Paulus eine so große Verzweiflung, dass er gar beinahe am Leben verzweifelt wäre. Diese aber hat ihn komplett auf Gott geworfen, damit sich sein Vertrauen vor allem auf Gott setzt und nicht darauf, was ihm alles gelungen ist.
Ähnliches meint doch Jesus mit dem Haus auf dem Felsen. Wenn mein Glaube in stürmischen Zeiten verloren geht, dann war er vielleicht doch noch nicht tief genug im Herzen verwurzelt. Gerade auch in diesen stürmischen Zeiten der Gegenwart, in denen wir leben, sollten bei aller berechtigten Sorge unsere Herzen in Gottes liebevoller Gegenwart verwurzelt sein.
Und natürlich werde ich gestärkt durch Menschen, die es in gleicher Weise versuchen und mit mir unterwegs sind. Und wenn man älter wird, dann weiß man, dass man nicht eine Million Follower braucht, sondern ein paar Menschen, auf die man sich verlassen kann und die wirkliche Wegbegleiter sind.
Das wird uns nicht davor bewahren, dass wir immer wieder auch Zeiten der Gottverlassenheit kennen werden, wie es Jesaja in der ersten Lesung beschreibt. Aber mit vielen anderen stärkt mich der letzte Satz:
“die aber auf den Herrn hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adler wachsen ihnen Flügel. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.” (Jes 40,31)
Diese Erfahrung wünsche ich uns und allen, die sich nach Stärke sehnen für das, was sie gewöhnlich trägt: in der Diaspora, im Alltag mit Menschen guten Willens, egal wo und wie immer man gerade lebt. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
https://gotteswort-weiblich.annette-jantzen.de/33-sonntag-im-jahreskreis-c-psalmgebet
