(Hos 11, 1–4+8; Tit 3, 4–8; Lk 23, 35b-43)
Liebe Schwestern und Brüder,
wir feiern heute das Hochfest Christkönig.
Dieser Sonntag ist zugleich auch der letzte im Lesejahr C.
Gegen die Königreiche dieser Welt, die kommen und gehen, sollte Christus als „König“ stehen, der für immer bleibt. Am Ende der Zeiten wird es nur diesen König noch geben. Dass er freilich kein König im Sinne der Welt ist, zeigt heute eindrücklich dass Evangelium, wo er mitten unter Verbrechern am Kreuz hängt.
Er hat diesen Titel auch nie für sich selbst in Anspruch genommen. Er wollte Menschensohn, Menschenbruder, sein.
Wenn ich heute sage, dass er „mein König“ ist, so ist das eher ein Liebesbekenntnis, so wie sich auch Liebende gern als „Prinz“ oder „Prinzessin“ bezeichnen.
Feiern wir also Jesus als König der Liebe, der nicht unser Herr, sondern vor allem unser Bruder und Freund sein wollte und möchte.
Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
https://gotteswort-weiblich.annette-jantzen.de/psalm-zum-christkönigfest
Predigt am Ewigkeitssonntag 2025 in St. Theresia / Birkenwerder
Hos 11 / Lk 23 / Titus 3
Wir haben gerade drei sehr unterschiedliche Stimmen gehört, die um eine ähnliche Frage kreisen: Welche Macht hat eigentlich Gott, und wie setzt er sie ein? Und was tun wir damit?
Der erste, der dazu spricht, ist der Prophet Hosea. Er erzählt davon, wie Gott sein Volk geliebt, genährt und großgezogen hat — so wie richtig gute Eltern, die alles für ihr Kind tun. Sie schenkten dem Kind Liebe und Zuwendung und wollten ihm die richtigen Wege zeigen. Aber das Kind hat nicht gewollt. Es hat zurückgewiesen, was ihm angeboten wurde, hat andere Wege eingeschlagen, ist anderen Zielen gefolgt. Genau so geht es Gott mit dem Volk, das er aus Ägypten in die Freiheit geführt hat – so erzählt es Hosea. Jetzt wählen sie andere Götter, die ihnen doch überhaupt nicht helfen können. Sie verlieren die Orientierung, sie verlieren sich selbst. Und was jetzt? Wie handelt Gott? Wie handeln Eltern, die ihr Kind nicht davor bewahren können, das Falsche zu tun? Eigentlich müsste es jetzt vorbei sein mit der Beziehung. Eigentlich bleibt nur noch der Abbruch des Ganzen. Aber so ist Gott nicht. So sind liebende Eltern hoffentlich nicht. Auch wenn das unendlich weh tut. Bin selber Mama von vier höchst eigenwilligen Kindern und weiß, wovon ich rede… Hosea erzählt in beeindruckender Weise, wie Gott mit sich selbst ringt. Er lässt uns einen Blick in Gottes Herz hinein werfen: Dieser Gott hätte die Macht, zornig zu sein und zu strafen, seiner Enttäuschung über den Beziehungsbruch freien Lauf zu lassen. Aber — seine Macht ist anders, ssie ist in ihrem Kern und Wesen ganz und gar Liebe — und sie sagt: Wie könnte ich dich preisgeben? Wie könnte ich dich ausliefern? Gegen mich selbst wendet sich mein Herz – mein Erbarmen brennt in mir. Gott begegnet uns hier nicht als der Unwandelbare, Unberührbare, der felsenfeste Gott. Sondern er begegnet uns als echte, lebendige, brennende Liebe, die verletzt werden kann und sich verletzen lässt. Er ist wandelbar, tatsächlich beziehungsfähig, bereit sich zu bewegen und zu reagieren. Und alle Verwundung und Enttäuschung und sogar Wut, die ja auch ein Ausdruck von Liebe ist, wird im Ringen seines Herzens unendlich weit übertroffen von der Macht seiner Liebe, die ins Erbarmen mündet. Dieser Gott ist in seiner Macht so souverän, dass er auf die Durchsetzung von Macht völlig verzichtet. Und damit echte Liebe übt, die keine Fessel ist, sondern die den anderen freilässt. Das ist auch keine beleidigte „Ist mir doch egal, was du jetztmachst“- Haltung. Sondern er bleibt in Beziehung trotz aller Zurückweisung, ohne Druck und Zwang, ohne Drohung und Gewalt. Immer ansprechbar, nie bedrohlich. Seine Tür steht immer offen – für die Rückkehr aus freiem Willen. Mir steht der Vater des verlorenen Sohnes vor Augen, der den Sohn freigegeben hat, auch wenn das unendlich weh getan hat. Auch wenn der Sohn ihn für tot erklärt hat, als er das Erbe schon gefordert hat. Der Vater lässt ihn los, er reist ihm nicht nach, er bedrängt und er droht nicht. Und er macht keine Vorhaltungen, als der Sohn wieder kommt, der einfach alles verballert hat. Stattdessen bereitet er das Fest vor, das Freudenfest, zu dem alle eingeladen sind, die nichts vorzuweisen haben.
Von dieser Macht her können wir vielleicht besser verstehen, WIE der Evangelist Lukas vom Kreuz Jesu erzählt: Da erringt der König der Könige den Sieg aller Siege – und sieht dabei so abgrundtief gescheitert aus, dass Hohn und Spott in aller Munde sind. Ein König – auch hier noch völlig souverän in seiner Macht der Liebe, in seinem größten Schmerz: noch hier kann er beten für die, die sich lustig machen über ihn und dabei völlig verfehlen, wer er ist , was er hier vollbringt und was hier gerade geschieht. Noch in diesem Moment liebt er die, die ihn quälen und peinigen, und stellt sich an ihre Seite. Und nur ein einziger, der sein Leben völlig verbockt hat und neben ihm zum Tod verurteilt wird, der erkennt, worum es hier geht, wendet sich an ihn mit seiner Bitte – und gewinnt damit alles: Die Liebe, das Leben, die Heilung all seiner Um- und Abwege, das Ende der Macht der Gewalt, die er ausgeübt und erlitten hat. Das ist die Krönung. Die Krönung des Lebens, die Krönung des Königs, dessen Macht größer und lebendig ist und die niemals endet.
Welche Macht hat Gott? Wie setzt er sie sein? Und was machen wir heute damit?
Ich lerne hier: Es ist eine unermessliche Macht der Liebe, die mit sich reden, sich ansprechen lässt. Die immer ansprechbar ist, aber weder Zwang noch Gewalt kennt. Im Gegenteil: sie ist machtvoll genug, um diese Kreisläufe zu zerbrechen, aus denen wir nicht herausfinden – gerade WEIL sie stark genug ist, auf ihre Durchsetzung zu verzichten. Sie sehnt sich nach unserer freien Bitte: Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und wird sie wahrmachen auf eine Weise, die ich mir nicht vorstellen kann, aber auf die ich hoffe und die mich tröstet und froh macht.
Dietrich Bonhoeffer hat in seinem Glaubensbekenntnis im Gefängnis niedergeschrieben, wie er das Geheimnis Gottes deutet – er sagt: Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet. (2x) Ich glaube, Hosea hätte diesen Satz voll unterschrieben. Und Jesus hat uns genau solch einen Gott gezeigt in seiner Zusage an den, der neben ihm gekreuzigt wurde. Ich lerne daraus, dass dieser Gott mit seiner besonderen und so anders gearteten Macht überhaupt nicht ohnmächtig ist – und wir sind es in der Verbindung mit ihm, als Getaufte, auch nicht! Es steht uns offen, uns auf den Weg des Gebets und des Handelns im Vertrauen auf diesen Gott zu machen. Im Dialog zu sein mit dieser beständigen lebendigen Macht der Liebe. Wer diese Macht kennt, braucht keinen autoritären Trends der Zeit zu folgen. Stattdessen sind wir dazu berufen, die Kreisläufe von Machtanmaßung und Machtmissbrauch mit Gebeten und durch unser Handeln in Liebe aufzubrechen. Es gibt einen anderen Weg als Hassen und Verhasst-Sein, so beschreibt es Titus in seinem Brief: von der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes fällt ein anderes Licht auf alle und alles – und dieser König, der will seine Krone gar nicht für sich: seine Liebe krönt letztlich uns, sie krönt die ganze Schöpfung, und sie verleiht uns die Würde, mit diesem König in einer Beziehung zu sein, die niemals endet. Mit diesem König, der auch auf meine Bitte wartet und antwortet: Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst. AMEN
(Christine Gühne)
