(Ps 104 in Auswahl; Mt 6, 25–34)
Liebe Schwestern und Brüder,
es gibt so Worte und Begriffe, die ich nicht besonders mag. Dazu gehören am Erntedanksonntag solche Worte wie „Nutztiere“ oder „Nutzpflanzen“. Als ob es Tiere oder Pflanzen gäbe, die nur einen Sinn haben, wenn sie für uns von Nutzen sind. Dabei haben alle Pflanzen und Tiere erst einmal einen Sinn und Nutzen für sich selber.
Grundsätzlich ist nichts da, damit wir es für uns benutzen können. Insofern mag ich es auch nicht, wenn der Mensch so tut, als sei er das Nonplusultra und wäre über alles andere erhaben oder erhoben.
Bei oberflächlicher Betrachtung des Schöpfungsberichtes meinte er, die Krone der Schöpfung zu sein. Dabei ist die Krone der Schöpfung der Sabbat.
Der Mensch steht also nicht über allem, sondern inmitten aller Geschöpfe, die ihm Leben ermöglichen. Seine Mitgeschöpfe und die Mutter Erde nicht zu achten, ist eine glatte Fehleinschätzung seiner selbst und ein Absägen jenes Astes, auf dem er sitzt.
Als Mose sich dem brennenden Dornbusch näherte, befahl ihm eine Stimme, dass er sich die Schuhe ausziehen möge, denn er befinde sich auf heiligem Boden. Eine Geisteshaltung, die die Schöpfung und die Mitgeschöpfe nicht heilig hält, ist ein Herumtrampeln auf ihr mit Schuhen und beraubt sie ihre Heiligkeit.
Die Schuhe auszuziehen, ist eine Geste der Demut, die Achtsamkeit und Wertschätzung bedeutet, die ich nicht nur mir selbst, sondern anderen schenke. Dies gilt nicht nur anderen Menschen, sondern auch unseren Mitgeschöpfen.
Es ist für mich ein unergründliches Geheimnis, warum fast alles Leben nur leben kann, indem es anderes tötet und sich einverleibt. In einem übertragenen Sinne könnte auch darin die Botschaft stecken, wie sehr wir einander brauchen und alles mit allem zusammenhängt.
In diesem Jahr feiern wir den 800. Todestag des heiligen Franziskus, der am 4 Oktober 1226 nahe Assisi starb. Seine Liebe beschränkte sich nicht nur auf die Armen und Ausgegrenzten, sondern auch auf die Geschöpfe. Diese erweiterte Liebe war und ist ein Kennzeichen aller Gottesfreunde, egal welcher Religion oder Weltanschauung man angehört.
Dies gilt auch für unsere Ordensgründer Johannes vom Kreuz, der in den Geschöpfen eine Spur der Liebe Gottes entdeckte. Er ließ seine Novizen in die Natur gehen. Denn dort konnte man viele Liebesbriefe Gottes entdecken.
Wer nicht nur mit Dollaraugen und Nützlichkeitsdenken durch die Welt geht, wird bemerken, wie sehr wir Beschenkte sind. Es ist richtig, wenn Liebesverrückte in den Geschöpfen Schwestern und Brüder sehen, in der belebten, wie scheinbar unbelebten Natur.
Erntedanksonntag kommt dann in uns und unter uns zum Ziel, wenn uns eine tiefe Dankbarkeit und Demut erfüllt über die Schönheit aller Geschöpfe, die uns, auch ohne Nahrung zu sein, so viel Heilsames schenken und ein Sakrament jener Liebe sind, die in allem verborgen ist, bis zum entferntesten Stern im Universum oder von mir aus auch in den Multiversen.
Möge uns dieser liebevolle Blick am heutigen Erntedanksonntag und darüber hinaus geschenkt sein. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
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