(Sonnengesang s.u.; Gal 6, 14–18; Mt 11, 25–30)
Liebe Schwestern und Brüder,
wenn wir heute also des 800. Todestages des heiligen Franziskus gedenken wollen, der am 3./4. Oktober 1226 war, dann passt das auch noch mal zum Erntedanksonntag, der heute in vielen, anderen Gemeinden begangen wird. Wir haben ja unseren bereits vergangenen Sonntag gefeiert.
Es ist allen bekannt, dass der heilige Franziskus auch ein besonderes Verhältnis zur Schöpfung hatte, was sich sozusagen in seinem Sonnengesang verdichtet hat, den wir vorhin gehört haben. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass eine sogenannte Gottes- bzw Berufungserfahrung immer auch eine Liebeserfahrung ist.
Als junger Mensch war Franziskus in wohlhabenden Verhältnissen aufgewachsen und auch in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt. In Gefangenschaft geraten, erkrankte er schwer und geriet in eine tiefe Sinnkrise, die ihn letztlich zu einem radikalen Lebenswandel führte.
Seine Liebe zur Armut ist so radikal, dass ihm viele darin gar nicht folgen konnten oder wollten. Dass seine Art zu leben, schnell so dramatisch Feuer fängt, ist ein Wunder der Geschichte und möglicherweise auch zeitlichen Umständen geschuldet. Das wird Franziskus vermutlich selber überrascht und teilweise überrollt haben.
Die Klerikalisierung seiner Minderbrüder, wie er seine Bewegung nannte, wird ihm nicht nur einmal schmerzlich aufgestoßen sein.
Wir müssen uns klar machen, dass Franziskus natürlich auch ein Kind seiner Zeit war und viele Generationen nach ihm an ihm festgemacht haben, was ihnen selber wichtig war. Vermutlich geschieht das in vielen anderen Bereichen auch.
Das Charisma eines Menschen ist leider nicht vererbbar, aber man kann versuchen, sich von dem darin zeigenden Geist anstecken und berühren zu lassen. Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich sagen, dass ich eine solche radikale Armut nicht leben könnte.
Aber ich lasse mir dadurch sagen, dass aller materieller Besitz meine Sehnsucht nach Liebe nicht stillen kann. Ich lasse mir dadurch sagen, dass ich nicht gleich auf der Straße lande, wenn wir statt unbegrenztem, wirtschaftlichen Wachstum ein bisschen mehr auf menschliches Wachstum setzen und der „Verzicht“ ein Begriff und eine Realität ist, der mich eher freier macht. Aber nicht nur mich, sondern auch andere und auch unsere Mitgeschöpfe. Vermutlich führt daran kein Weg vorbei, wenn wir solidarisch mit allen Menschen und Geschöpfen auf unserer gemeinsamen Erde sein wollen.
Materieller Reichtum kann dazu führen, das gemeinsames Menschsein und Geschwisterlichkeit verloren gehen zugunsten von denen „da oben“ und denen „da unten“. Diese Kluft der Ungerechtigkeit wollte Franziskus im Geiste der Armut und Geschwisterlichkeit verringern. Insofern bleibt sein Anliegen bis heute aktuell.
Liebesverrückte wie Franziskus und andere haben es bis heute schwer. Aber es gibt sie zahlreich bis heute. Danken wir allen Kindern, Jugendlichen, Ausgewachsenen und Senioren, die, angezündet von einer großen Liebe, trotz und gegen alle Widerstände an einer „Zivilisation der Liebe“ mitbauen, wie der heilige Franziskus, der heute vor 800 Jahren mit 44 Jahren sein Leben in die zärtlichen Hände Gottes zurückgegeben hat. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
https://gotteswort-weiblich.annette-jantzen.de/14-sonntag-im-jahreskreis-zur-1-lesung
Der Sonnengesang des heiligen Franziskus
Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.
Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne,
welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz:
Von dir, Höchster, ein Sinnbild.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet,
klar und kostbar und schön.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
und heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen Unterhalt gibst.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Wasser,
gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Feuer,
durch das du die Nacht erleuchtest;
und schön ist es und fröhlich und kraftvoll und stark.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.
Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
Selig jene, die er findet in deinem heiligsten Willen,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.
Lobt und preist meinen Herrn
und dankt ihm und dient ihm mit großer Demut.
Aus: Dieter Berg, Leonhard Lehmann (Hg.), „Franziskus-Quellen“
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