(Ez 47, 1–2.8–9.12; 1 Kor 3, 9c-11.16–17; Joh 2, 13–22)
Liebe Schwestern und Brüder,
wir feiern heute also liturgisch den Weihetag der Lateranbasilika, der ältesten Papstkirche in Rom aus dem 4. Jahrhundert.
Eine Kirche ist ein heiliger Ort, an dem gewöhnlich gebetet und die Gegenwart Gottes gefeiert wird. Jeder von uns weiß, dass es solche heiligen Orte gibt, die uns zutiefst berühren. Für mich war ein solcher heiliger Ort auch die Sinaiwüste, in der ich mich 1999 drei Monate aufhielt.
Und egal, ob man nun ein religiöser Mensch ist oder nicht, wir alle wissen und spüren, dass es solche heiligen Orte gibt, wo unsere Seelen einfach aufgehen und ein wundervoller Friede ins Herz einziehen kann. Das ist wie heilsames Wasser auf die Seele, wie jenes Wasser, von dem der Prophet Ezechiel in seiner Vision in der ersten Lesung spricht, das unter der Tempelschwelle heilsam hervorströmt. Dies ist ein schönes Bild dafür, wie heilsam nicht nur Kirche als Ort, sondern auch als Gemeinschaft von Menschen sein sollte.
Paulus erinnert ja in der 2. Lesung auch daran, dass wir selber Tempel, Kirchen, heilige Orte sind, weil Gottes Geist in uns wohnt.
Und im Johannesevangelium Kapitel 14, Vers 21, ist sogar davon die Rede, dass der dreifaltige Gott in uns Wohnung nimmt, vor allem dann, wenn wir aus seinem Gebot der Liebe zu leben versuchen. Damit ist auch gesagt, dass Gott nicht nur in religiösen Menschen zu Hause ist, sondern in allen, die aus der Liebe zu leben versuchen.
Wenn nun Papst Franziskus diesen 9. November auch zum Gedenktag für die Alltagsheiligen gemacht hat, dann ist dieser Tag eben nicht nur ein Gedenktag für religiöse Menschen, sondern ein Gedenktag für alle Menschen guten Willens, egal wo sie sich geistig oder spirituell verorten und zu Hause wissen.
Jeder von uns kennt solche wundervolle Alltagsheiligen, die in bewundernswerter Weise den Alltag leben: als Familie, als Gemeinschaft, als Alleinerziehende, als Menschen, die sich um Alte und Pflegebedürftige kümmern, als Menschen, die sich Tag für Tag für mehr Menschlichkeit, Liebe und Wertschätzung einsetzen, oft belächelt von denen, die sich zu den durchsetzungsfähigen Starken zählen und denen die Werte des Geldes, des Profits und der Macht wichtiger sind als die Werte des Menschlichen.
Die Geschichte nach der Reichsprogromnacht von 1938 lehrt uns, dass Progromgeister bis heute in der Lage sind, Menschen zu erfassen und andere Menschen ihrer Menschlichkeit zu berauben. Es ist leider und scheinbar immer noch so leicht, Sündenböcke und Feinde zu finden, denen man am Ende ihr Menschsein abspricht und dann eigenes, unmoralisches Verhalten ihnen gegenüber damit rechtfertigt.
Erfreulich allerdings ist, dass Wenden völlig unerwartet möglich sind, wie im November 1989 hier bei uns, aber auch anderswo. Mag scheinbar wieder alle Welt von merkwürdigen und gefährlichen Geistern gepackt sein, was so natürlich nicht stimmt, so lasst uns also mit allen Menschen guten Willens, mit allen Alltagsheiligen, vom Heiligen Geist gepackt sein und gegen alle Unmenschlichkeit anlieben. Lasst uns daran glauben, dass auch heute unverhoffte Wenden zum Guten, zu mehr Menschlichkeit und Geschwisterlichkeit weltweit möglich sind.
Dafür möge heute symbolisch der Weihetag der Lateranbasilika stehen, die eine Kirche in Rom, aber vor allem jeder Mensch mit Herz ist. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
