(Num 21, 4–9; Phil 2, 6–11; Joh 3, 13–17)
Liebe Schwestern und Brüder,
ich habe wirklich lange überlegt, was ich denn zu diesem Fest und den biblischen Texten sagen soll. Das Kreuz hat sich ja zu dem christlichen Symbol schlechthin entwickelt, obwohl lange Zeit das Bild vom guten Hirten im Vordergrund stand. Es wurde auch mit vielen Deutungen verbunden, die mehr oder weniger hilfreich waren und sind.
Grundsätzlich muss man natürlich sagen, dass es ein besonders grausames Hinrichtungsinstrument war. Es ist äußerst tragisch, dass ausgerechnet ein so liebevoller Mensch, wie Jesus es war, auf diese Weise sterben musste. Das hatte ja vor allem machtreligiöse Hintergründe. Im Kreuz also kann man sicher auch all jene Menschen sehen, die Opfer von Machtmissbrauch, von Gewalt, von Terror und Krieg wurden und werden.
Das Johannesevangelium heute aber schenkt uns eine Deutung, die vor allem einen positiven Ansatz verfolgt. Dieser Ansatz redet die Grausamkeit des Kreuzes nicht schön, deutet den Tod Jesu am Kreuz aber als Liebe bis zum Äußersten. Während die Schlange in der Wüste an das Versagen und den Unglauben der Israeliten erinnerte, ist der erhöhte Menschensohn eine Erinnerung an Gottes Liebe, wenn es im Vers 16 heißt: “Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.” Auch, wenn Heilung manchmal verlangt, mutig das anzuschauen, was man so gerne verdrängt hätte, so geschieht Heilung hier nicht im Anschauen von menschlicher Schuld oder gar von einem Gott, der das Opfer seines Sohnes wegen der Schuld der Menschen verlangt, nein, hier geschieht Heilung im Anschauen einer Liebe, die selbst vor der Grausamkeit des Kreuzes nicht zurückschreckt.
Nicht die toxische Belastung der Menschen durch eine schier unvergebbare Schuld steht im Vordergrund oder ist nur angedacht, nein, im Vordergrund steht einzig und allein die Unbegreiflichkeit der Liebe Gottes in Jesus von Nazareth. Darum wird das Kreuz hier zu einem Zeichen der Liebe, die fast unglaublich ist und einzig die Macht hat, zu heilen, vor allem auch von toxischen Gottesbildern, die Menschen nur niederdrücken und belasten.
Wer wie Jesus solcherart Not und Leid auf sich nimmt, um bis in letzte Konsequenz zu sagen: ich liebe dich!, dem darf man getrost auch aus ganzem Herzen die Echtheit seiner Liebe abnehmen. Nichts anderes wollte Jesus im Namen Gottes im Leben wie im Sterben den Menschen sagen und erfahrbar machen. Und das wollte er auch angesichts der Qual des Kreuzes nicht aufgeben.
Wer im Namen des Kreuzes tötet oder Menschen in eine innere Hölle schickt, der kreuzigt Jesus erneut und leugnet die Liebe, die Gott in und mit ihm kundtun wollte. Damit werden nicht alle Fragen, die bleiben, beantwortet! Aber damit wird eine Realität aufgerichtet und erhöht, die Menschen heilen kann, sie ermutigt und geborgen sein lässt, was immer auch geschieht.
Und das wünsche ich uns und einem jeden von uns am heutigen Fest Kreuzerhöhung. Amen.
(Pater Thomas Röhr OCT)
