(Jes 50, 4–7; Phil 2, 6–11; Mt 21, 1–11)
Liebe Schwestern und Brüder,
seit einigen Jahren tragen wir mit dem geschmückten Kreuz auch einen Esel zum Altar, jenen Esel, den wir noch von der Weihnachtskrippe her kennen. Heute ist dieser Esel zugleich neben den Palmzweigen das Symbol für den Palmsonntag.
Warum, das hat uns das Evangelium gleich selbst gedeutet, indem es den Propheten Sacharja zitiert, wo es heißt: „siehe, dein König kommt zu dir. Er ist sanftmütig und reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers“ (Mt 21,5).
Ein bisschen kurios ist, dass Jesus auf der Eselin und auf dem Fohlen zugleich reiten soll. Entweder hat er dann zwischendurch das Tier gewechselt oder das Kunststück fertiggebracht, auf beiden gleichzeitig zu reiten.
Aber hier sind wohl eher mit Matthäus „die Pferde durchgegangen“, der Sacharja falsch zitiert. Denn dort heißt es richtigerweise: „demütig ist er und reitet auf einem Esel, dem Jungen einer Eselin“. Da wird natürlich ein Schuh draus.
Matthäus aber war die Erfüllung dieser Prophetie so wichtig, dass er den Fehler wohl nicht bemerkt hat. Und natürlich hat erst die späte Tradition Ochs und Esel in die Weihnachtsgeschichte eingeführt, die in den Evangelien nicht vorkommen. Aber bei Jesaja 1,3 steht: „der Ochs kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn. Israel hat aber keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht“.
Offensichtlich scheinen die Tiere manchmal klüger als die Menschen zu sein, die ihrerseits ja oft dazu neigen, Tiere gänzlich abzuwerten. Wir sollten auch heute bereit sein, darauf zu hören, was Tiere, Pflanzen und andere Geschöpfe für eine himmlische Botschaft für uns haben. Auch sie verdienen unsere Liebe und ganze Wertschätzung.
So mögen der junge Esel heute und die Palmzweige für alle Geschöpfe stehen, die als unsere Schwestern und Brüder wie wir Sehnsucht nach liebender Umarmung haben, wie es einmal Hildegard von Bingen so schön formuliert hat.
Die Liebe Jesu bis zum Äußersten am Kreuz gilt also nicht nur uns Menschen, sondern allen Geschöpfen, ja der ganzen Schöpfung.
Vergessen wir nicht, dass Jesus in persona das göttliche Geheimnis repräsentiert. In ihm leidet und stirbt auch jenes göttliche Geheimnis, das Liebe ist und Liebe will und bis heute so oft verworfen und gekreuzigt wird.
Jesus wird nach dem Einzug in Jerusalem die Händler aus dem Tempel treiben und fordern, dass ein Symbol für Gottes liebevolle Nähe nicht vermarktet und zur Räuberhöhle gemacht werden darf (Mt 21, 12–17). Stattdessen soll es heilsam sein für Seele und Leib, worauf der Vers 14 hinweist, wenn es da heißt: „Im Tempel kamen Lahme und Blinde zu ihm, und er heilte sie“.
Das alles soll heute im geschmückten Kreuz und im Esel mitgesehen werden. Möge Gott uns Morgen für Morgen, wie in der 1. Lesung bei Jesaja geschrieben, nicht nur die Ohren, sondern auch die Augen und vor allem die Herzen öffnen, damit wir Gottes Liebe sehen und sie trotz und in allem weitergeben, so gut es uns möglich und gegeben ist. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
https://gotteswort-weiblich.annette-jantzen.de/palmsonntag-a-sto%C3%9Fgebet
