(Apg 2, 1–11; 1 Kor 12, 3b‑7.12–13; Joh 20, 19–23)
Liebe Schwestern und Brüder,
Pfingsten ist eigentlich ein unglaubliches Hoffnungsfest. Es ist die feste Überzeugung und die Erfahrung der ersten Jüngerinnen und Jünger, dass Gott uns vom Himmel her neues Leben einhauchen kann. Nicht wir sind es, die die Kraft aufbringen, wieder neu aufzubrechen und an der frohen Botschaft von Gottes liebevoller Gegenwart Feuer für uns und für andere zu fangen. Nein, es ist ein Wunder des Himmels.
Bevor Pfingsten stattfinden kann, ist leider eine Erfahrung vonnöten, die zunächst etwas wehtut. Es ist die Erfahrung eines Scheiterns, einer zerbrochenen Hoffnung. Es ist die Erfahrung von Schmerz und Trauer, von dem Schrecken über die tausend Scherben eines Selbstbildes, das in der Prüfung nicht standgehalten hat. Das ist der Schmerz über eine zerbrochene Freundschaft und Liebe, die wortreich behauptet wurde. Es ist die traurige Erkenntnis, wie schwer es die Osterbotschaft vom Leben bei allen hatte und wie schnell das Vertrauen in den Prüfungen des Alltages verdunstet.
Dieser große Schmerz verbindet alle in ihrer Bedürftigkeit. Da ist kein Rühmen und kein religiöser Leistungssport mehr, da ist kein Recht haben wollen mehr, keine Überheblichkeit, kein Abgrenzen, kein Fragen mehr, wer der Größte sei. Diese gemeinsame Armutserfahrung ist der Boden für etwas Neues, für eine Hoffnung, die größer ist als alles Vorstellbare.
Da kommt vom Himmel her wieder Bewegung in Bewegungslosigkeit. Da werden leere Herzen mit Feuer erfüllt und brennen wieder für eine Vision von liebevollen Miteinander, von Heil für Seele und Leib. Da kommt der Freund und Geliebte durch alle Angst und Verschlossenheit und spricht Frieden zu, wo die Herzen von Friedlosigkeit schon ganz wund geworden sind.
Das ist die Ausgangslage von Pfingsten, das hat verängstigte Frauen und Männer schon zusammengebracht und ihnen eine Kraft ins Herz gegeben, die nach draußen drängte.
Das Pfingstfeuer brennt alles Vertrocknete weg und öffnet die verschlossene Türen hin zu jenen Menschen, die nach Worten der Liebe dürsten und nach Leben, das so oft unerfüllt und nicht tief genug ist.
Die Sprache des Herzens versteht jeder und sie verbindet uns zu einer Menschheitsfamilie, die nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander unterwegs ist. Pfingsten ist der Glaube daran, dass solche Neuanfänge immer wieder möglich sind, nicht, weil wir uns das vorstellen können, sondern weil Gott sich das vorstellen kann und immer für uns will, jetzt und in alle Ewigkeit. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
