Pre­digt zum 22. Sonn­tag im Jah­res­kreis (30.08.2020)

(Jer 20, 7–9; Röm 12, 1–2; Mt 16, 21–27)

Pre­digt von P. Tho­mas Röhr OCT — Au­dio­ver­si­on

Lie­be Schwes­tern und Brü­der,

Pro­phe­ten sind kei­ne Wahr­sa­ger, noch Zu­kunfts­for­scher. Sie sind auch kei­ne Mo­ral­po­li­zis­ten und auch kei­ne Prä­fek­ten von Glau­bens­kon­gre­ga­tio­nen. Pro­phe­ten sind zu­nächst ganz nor­ma­le Men­schen, die aber von Gott ge­packt und über­wäl­tigt wur­den. So je­den­falls le­sen wir es bei Je­re­mia (Jer 20, 7). Ih­re Auf­ga­be ist es, ge­gen den Strom zu schwim­men, ge­gen den Strich zu bürs­ten, nicht nach­zu­plap­pern, was al­le sa­gen, was man halt so denkt und tut. Sie re­den nicht nach ir­gend­je­man­des Mun­des, son­dern wer­den selbst zum Mund Got­tes für al­le Le­bens­be­rei­che: Staat, Ge­sell­schaft, Re­li­gi­on etc. Sie ru­fen nicht zu­erst zum Ge­bet auf, zu mehr und stren­ge­rem, re­li­giö­sen Tun, nein, sie ru­fen nach mehr Lie­be, und zwar ganz kon­kret.

Meis­tens ist es Gott sel­ber, der stört und ruft, wenn „Ge­walt und Un­ter­drü­ckung“ (V8) nor­mal ge­wor­den sind, po­li­tisch, wirt­schaft­lich, fi­nan­zi­ell, re­li­gi­ös, ökologisch…Aber es gibt zu vie­le, die wol­len, dass al­les so bleibt, wie es ist. Es ist noch nicht lan­ge her, da pro­phe­zei­te man, dass nichts mehr so sein wird, wie es mal war. Aber es geht dann doch wei­ter, wie es war, zu­min­dest scheint es vor­der­grün­dig so. Denn im Klei­nen wirkt doch Gott schon vie­le Wun­der, gibt es vie­le Men­schen mit ei­nem neu­en Den­ken, Füh­len und Tun (Röm 12, 2). Ei­ner von de­nen war Je­re­mia, war Je­sus von Na­za­reth. Je­sus war der letz­te, der vor al­lem zur Lei­dens- und Kreu­zes­nach­fol­ge auf­rief. Er rief zum Le­ben auf, zum Frei-wer­den, zum Heil-wer­den, zum Ganz-wer­den, zum Mensch wer­den, zum Töch­ter und Söh­ne Got­tes wer­den. Er rief zum Ab­ba-Gott auf und nicht zu je­nem Gott, der nur den Sta­tus Quo von Ge­walt und Un­ter­drü­ckung, von Un­barm­her­zig­keit und Lieb­lo­sig­keit re­li­gi­ös ze­men­tiert und recht­fer­tigt. Er wuss­te, dass die Pra­xis und der Vor­rang der Lie­be in al­lem für man­che ge­fähr­lich wer­den wür­de, auch für re­li­giö­se Au­to­ri­tä­ten. Kon­se­quent zu sein, hat manch­mal un­an­ge­neh­me Kon­se­quen­zen. Das hat­te Pe­trus noch nicht be­grif­fen, denn Men­schen wol­len eher ei­ne Kar­rie­re nach oben als nach un­ten. Und nie­mand kann nur sein ei­ge­nes Le­ben ret­ten. Le­ben gibt es nur ge­mein­sam und für­ein­an­der.

Es ist wirk­lich nicht leicht, an­ge­sichts sog. „Rea­li­tä­ten“ in Ka­te­go­rien der Lie­be zu den­ken, zu füh­len und zu han­deln. Es ist wirk­lich nicht leicht und auch nicht rich­tig, Gott im­mer nur lo­ben und prei­sen zu müs­sen, so als gä­be es nicht star­ke Grün­de zu kla­gen und auch an­zu­kla­gen. Das nen­ne ich ehr­li­ches Be­ten. Aber die Al­ter­na­ti­ve heißt eben nicht „Welt oder Gott“, son­dern das Trotz­dem­ver­trau­en, das Trotz­dem­lie­ben nicht auf­zu­ge­ben, wie es Je­re­mia ei­ni­ge Zei­len wei­ter for­mu­liert: „Doch der Herr steht mir bei wie ein ge­wal­ti­ger Held“ (V11). Das mö­ge auch un­se­re Er­fah­rung sein, wenn wir im­mer wie­der neu ver­su­chen, Got­tes Den­ken, Füh­len und Han­deln zu wa­gen. Das be­deu­tet Mit­den­ken, Mit­füh­len, Mit­lie­ben. Amen.

P. Tho­mas Röhr OCT