Pre­digt zum 3. Sonn­tag der Os­ter­zeit (26.04.2020)

(Apg 2,14.22b-33; Ps 16,1–2 u. 5.7–8.9–10; 1 Petr 1,17–21; Joh 21, 1–14)

Lie­be Schwes­tern und Brü­der,

in den letz­ten Ta­gen be­mer­ke ich im­mer wie­der, wie ak­tu­ell bi­bli­sche Tex­te sind. Ge­ra­de beim Le­sen und Hö­ren der lit­ur­gi­schen Tex­te die­ser Wo­chen den­ke ich oft „Ach schau mal, so ähn­lich geht’s uns heu­te auch!“

So auch wie­der bei den Tex­ten die­ses Sonn­tags. In der ers­ten Le­sung aus der Apos­tel­ge­schich­te wird von Pfings­ten be­rich­tet. Auch wenn es nicht da steht, wis­sen wir, was dem ge­hör­ten vor­aus­ge­gan­gen ist: Die Freun­de Je­su ha­ben sich nach sei­nem Tod und sei­ner Auf­er­ste­hung zu­rück­ge­zo­gen. Sie harr­ten hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren aus – so wie auch wir es in die­sen Ta­gen der noch gel­ten­den Kon­takt­ver­bo­te tun, in un­ter­schied­li­chem Maß, aber doch al­le mehr oder we­ni­ger. So lang­sam nä­hert sich aber un­ser „Pfings­ten“ – wenn auch nicht wie in bi­bli­scher Zeit durch das We­hen des Hei­li­gen Geis­tes an­ge­kün­digt und mit ei­nem Wan­del zum ra­di­ka­len Hin­aus­ge­hen, so doch durch die Wor­te un­se­rer Re­gie­ren­den, die mo­de­ra­te Lo­cke­run­gen an­kün­di­gen, im­mer noch un­ter der Maß­ga­be des Ab­stands­hal­tens.

So fin­den wir uns auch nicht ganz in den Wor­ten des Pe­trus wie­der, der aus Psalm 16 zi­tiert: „Dar­um freut sich mein Herz und froh­lockt mei­ne Zun­ge“. Aber war­um ei­gent­lich nicht? Ha­ben wir nicht durch die Auf­er­ste­hung Je­su, die wir nicht nur an Os­tern fei­ern, son­dern an je­dem Sonn­tag, ja an je­dem Tag, an dem wir uns im Ge­bet mit ihm und mit­ein­an­der ver­bin­den, ei­nen Grund zur Freu­de, der un­gleich grö­ßer ist als al­les, was uns be­drückt? Der uns selbst in die­sen Zei­ten, die oh­ne Fra­ge Grund zur Kla­ge ge­ben (die wir bit­te um un­se­res und um Him­mels wil­len auch aus­drü­cken), aber doch im­mer wie­der er­in­nert: Das Leid, der Tod, ha­ben nicht das letz­te Wort!

So fährt Pe­trus fort, im­mer noch mit Wor­ten aus Psalm 16: „Du hast mir die We­ge zum Le­ben ge­zeigt, du wirst mich er­fül­len mit Freu­de vor dei­nem An­ge­sicht.“ Viel­leicht ist das ja doch schon eher un­ser Emp­fin­den.

Wir hö­ren und le­sen ja in die­sen Ta­gen oft die Er­zäh­lun­gen, wie Je­sus sei­nen Freun­den nach der Auf­er­ste­hung er­scheint. War­um sind die­se ei­gent­lich oft so wun­der-bar, ja ge­ra­de­zu mys­te­ri­ös?

Fi­scher ho­len die Net­ze ein, Bild von Quang Nguy­en vinh auf Pixabay

Zwei Jün­ger, nie­der­ge­schla­gen und ent­täuscht, auf dem Weg nach Hau­se. Die Apos­tel, ver­sam­melt, voll Angst und Be­fürch­tun­gen, hin­ter ver­schlos­se­nen Tü­ren. Pe­trus und sei­ne Kol­le­gen beim Fi­schen, dem Ver­such, doch wie­der ein we­nig Nor­ma­li­tät zu wa­gen.

In al­le die­se Si­tua­tio­nen tritt Je­sus hin­ein, mal er­kannt, meist, zu­min­dest erstein­mal, un­er­kannt. Ich glau­be, das liegt dar­an, dass die Auf­er­ste­hung ei­ne kom­plet­te Wand­lung ge­bracht hat: Je­sus lässt sich nicht mehr an der Ge­stalt oder am Klang der Stim­me er­ken­nen – er ist jetzt an­ders da. Aber – und das ist das wun­der­ba­re – er ist da. In den Ent­täu­schun­gen un­se­res Le­bens. In den Zu­rück­ge­zo­gen­hei­ten und Iso­la­tio­nen un­se­res Le­bens. In der Nor­ma­li­tät, im (Arbeits-)Alltag – auch wenn wir uns den im Mo­ment viel­leicht nicht vor­stel­len kön­nen.

In al­le die­se Si­tua­tio­nen, das wol­len uns die Evan­ge­lis­ten mir ih­ren Be­rich­ten von den Er­schei­nun­gen des Auf­er­stan­den sa­gen, kommt Je­sus. Das galt für Ih­re Hö­rer und Le­ser, die ja vie­le Jah­re spä­ter leb­ten, und das gilt auch für uns, die noch ein­mal viel spä­ter da­von hö­ren.

Und viel­leicht ist es ge­nau die Er­fah­rung, die die­se Er­zäh­lun­gen ver­mit­teln, die auch wir im Mo­ment ma­chen: Es gibt nicht nur den ei­nen, hei­li­gen Ort der Got­tes­be­geg­nung, der Tem­pel oder die Kir­che – son­dern es gibt ganz vie­le hei­li­ge Or­te der Be­geg­nung mit dem Auf­er­stan­de­nen. Wenn wir mit­ein­an­der oder al­lei­ne zu Hau­se ei­nen Got­tes­dienst mit­fei­ern, wenn wir da­heim ei­ne Aga­pe­fei­er hal­ten und in Er­in­ne­rung an Je­sus das Brot bre­chen, wenn wir mit an­de­ren, ob nah, ob fern, im Ge­spräch und im Ge­bet ver­bun­den sind. Da­mit will ich nicht sa­gen, dass ge­mein­sa­me lit­ur­gi­sche Fei­ern (sei­en es Eu­cha­ris­tie­fei­ern, An­dach­ten, Wort-Got­tes-Fei­ern) über­flüs­sig sind – kei­nes­wegs. Aber sie sind nicht der ein­zi­ge Ort, an dem wir Gott und ein­an­der na­he sein kön­nen.

Ich wün­sche Ih­nen für heu­te, für die­se Wo­che und für die­se Zeit ei­ne tie­fe Os­ter­freu­de im Her­zen, Be­geg­nun­gen mit dem lie­be­vol­len Gott, der uns, wie in den Os­ter­erzäh­lun­gen oft erst­mal un­er­kannt, ganz nah sein will – und auch Be­geg­nun­gen mit Men­schen, die ein biss­chen von bei­dem in Ihr Le­ben brin­gen. Amen.

Marc Teu­ber