(Sir 24, 1–12; Eph 1, 3–18; Joh 1, 1–18)
Liebe Schwestern und Brüder,
das Evangelium, das wir eben gehört haben, ist auch ein Weihnachtsevangelium und war liturgisch für „Weihnachten-Am Tag“ vorgesehen. Wenn der Heilige Franziskus nur dieses Weihnachtsevangelium gehabt hätte, dann wäre es ihm wohl schwerer gefallen, eine Krippendarstellung zu erfinden. Zu abstrakt klingt dieses Weihnachtsevangelium des Johannes, und das ist es ja auch.
Da stecken sicher schöne, theologische Gedanken drin, aber es berührt uns nicht annähernd so, wie das Weihnachtsevangelium des Evangelisten Lukas.
Was in beiden Weihnachtsgeschichten vorkommt, ist eine gewisse Dissonanz des Lebens. Bei Lukas landet die heilige Familie im Stall von Bethlehem zur Geburt Jesu, bei Johannes wird immer wieder betont, dass die Seinen ihn nicht aufnahmen und das Licht nicht erfasst haben. Natürlich will ich nicht zu denen gehören, die das nicht kapiert haben. Aber ich befürchte, dass dieser Teil des Lebens auch zu mir gehört, nicht nur zu mir, sondern irgendwie zu allen, auch zu den Kirchen.
Die Kirchen tun ja manchmal so, als wäre nur sie es, die verstanden haben. Aber ich glaube, dass das eine glatte Fehleinschätzung ist.
Überhaupt scheint mir, dass wir in der Praxis mit Weihnachten ein großes Problem haben. Unsere tollen und erhabenen Begrifflichkeiten von Gott passen so gar nicht zu einem Gott, der so verletzlich und liebesbedürftig in diesem Kind daherkommt. Wir weigern uns geradezu, daraus Konsequenzen zu ziehen für die Praxis in unserem Leben auf allen Ebenen, auch strukturell. Das hat vor allem später Jesus selber gemacht, der Füße gewaschen hat als Zeichen eines völlig anderen Miteinanders.
Da sollte niemand, der sich auf ihn berief, andere mit Füßen treten, weder physisch, psychisch, geistig oder geistlich. Da sollte man lernen, die Nähe Gottes vor allem in den Kleinen zu sehen, in dem, was so verletzlich, liebesbedürftig und von Zuwendung abhängig ist, und das sind doch letztendlich wir alle.
Kinder sind ein Sakrament für diese Wahrheit. Der Evangelist Johannes wagt einen Satz, der alle Flucht in reine Geistigkeit und Abstraktheit zertrümmert, wenn er schreibt: „und das Wort ist Fleisch geworden“! (Joh 1, 14)
Da erschrecken alle, die sich so gerne nur in der reinen Lehre bewegen und eine gewisse Angst vor Menschlichkeit und Menschsein haben. Wenn die Weihnachtsbotschaft nicht Fleisch und Blut wird, also nicht spürbar, sichtbar, berührbar wird, dann nimmt man ihn nicht auf, da hat man das Licht und das Leben nicht erkannt.
Gott geht es immer zuerst um das Leben, das heiler werden soll für Leib und Seele, für alle Kinder, die ein Sakrament für alles Wehrlose, Verletzliche und Göttliche sind.
Allen aber, die diese Botschaft aufnehmen und leben, haben die Macht erlangt, die unglaubliche Würde eines Gotteskindes zu haben und zu sein, mit oder ohne Taufschein. Das macht was mit uns, das will Fleisch werden, nicht nur im Kopf, sondern vor allem im Herzen, in unserem Denken, Reden und Tun. Und das wünsche ich uns von Herzen. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)
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