(Ex 3, 1–15; 1 Kor 10, 1–12; Lk 13, 1–9)
Liebe Schwestern und Brüder,
eigentlich muss man heute über die 1. Lesung predigen, eine der Schlüsseltexte des 1. Testamentes, ja der ganzen Bibel, und eine Gotteserfahrung, die grundlegend für Juden und Christen ist.
Den allgemein bekannten Titel „Vom brennenden Dornbusch“ finde ich ziemlich daneben, weil es ja um die Gotteserfahrung des Mose und den wunderschönen Namen Gottes geht. Aber fast jeder kennt diese Geschichte unter dem Namen „Vom brennenden Dornbusch“. Selbstverständlich steht diese Überschrift nicht in der hebräischen Bibel, noch gibt es überhaupt, auch im 2. Testament, im Original irgendwelche Überschriften. Diese sollen Lesehilfen sein, die die Übersetzer eingefügt haben. Aber leider verfehlen sie nicht selten den Inhalt und führen gar auf eine falsche Fährte. Manchmal scheint mir sogar, als hätten sie den Text nicht wirklich aufmerksam gelesen, geschweige denn meditiert.
Mose stolpert also sozusagen in der Alltäglichkeit seines Lebens über die brennende Gegenwart Gottes. Gott brennt nicht gegen Sünder, die das Gewissen anklagt, wie wir im offiziellen Tagesgebet beten sollten, nein, Gott brennt für Menschenkinder, denen man das Leben schwer macht. Manchmal scheint es gar, als ob Gott der Einzige ist, der für mehr Gerechtigkeit, wirkliche Freiheit und Liebe brennt, wo alle Welt einfach wegschaut oder kein Interesse hat, irgendetwas zum Besseren zu verändern.
Mose ist eben nicht zuerst ein Gesetzgeber, sondern ein Befreier in Gottes Namen. Man mag Gottes Namen übersetzen und deuten, wie man will. Letztlich verweigert Gott einen Namen, den man missbrauchen und mit dem man selbst wieder unheilige Herrschaften errichten kann. Das ist zur Genüge, auch im Christentum, passiert.
Ist „Ich bin, der ich bin“ überhaupt ein Name? Gilt er nicht letztlich für alle Wesen auf der Erde, die niemand im Letzten ergründen kann? Jeder von uns ist ein „Ich bin, der ich bin“, und ich wünschte, wir würden es als Originale leben und nicht so viel als bloße Kopien.
Entscheidend bei Gott ist aber noch ein Zweites. Er ist eben nicht nur da, er ist nicht nur ein „Ich bin“, sondern er ist auch ein wundervolles „Wie“. Er ist ein „Ich bin“, der Freiheit will und Leben, Gerechtigkeit und Liebe. Und das war und ist ihm immer, auch in sog. Fastenzeiten, wichtiger, als alle nur ichbezogenen Verzichte, als alle Frömmigkeit und alle Kulthandlungen, die nur sich selbst genügen.
Das sog. „Gesetz“ sollte später diese Befreiungserfahrung für das Miteinander konkretisieren und auslegen. Leider ist das auch oft schief gegangen, weil man gleich anfing mit „du sollst“ oder „du wirst“, ohne daran zu erinnern, dass das nur gut geht, wenn es aus einer Befreiungserfahrung heraus geschieht. Immer schon sollte der Glaube nicht zu einer Ideologie verkommen oder zu einem „Abgrenzungssystem“, mit dem man sich von anderen unterscheiden kann. Immer schon sollte der Glaube eine Befreiungserfahrung sein, die nicht nur das eigene, sondern auch das Leben anderer lebenswerter macht, festgeschrieben in der schönen Formulierung: „in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen“ (Ex 3,9).
Das ist Gottes Wille für Zeit und Ewigkeit. Wo dies geschieht, ist „heiliger Boden“, ist der „Ich bin“ gegenwärtig und erfahrbar. Dieses sein Brennen für ein lebenswertes Leben für alle Menschenkinder und Geschöpfe soll auch in uns brennen. Dafür ist uns doch allen der Heilige Geist geschenkt, dessen Zeichen auch das Feuer ist. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)