(Lk 15 1–32)
Liebe Schwestern und Brüder,
oft wird behauptet, dass man ja nicht wegen des Pfarrers in die Kirche geht. Das stimmt sicherlich auf der einen Seite. Auf der anderen Seite aber frage ich mich, warum „alle Zöllner und Sünder zu Jesus“ gingen? Klar, von allen anderen wurden sie ausgeschlossen. Wer will schon als Selbstgerechter mit solchen Leuten zu tun haben?
Wir können uns kaum eine Vorstellung davon machen, wie skandalös dieses Verhalten Jesu war. Der Vorwurf der Pharisäer und Schriftgelehrten lautet: „Dieser (Jesus) nimmt Sünder auf und isst mit ihnen“ (Lk 15,2). Nun müsste man natürlich fragen, was eigentlich ein „Sünder“ ist? Und die Antwort darauf wird sehr unterschiedlich ausfallen. Aber in einer bestimmten Sichtweise wird es wohl auf moralische Versager hinauslaufen. Und in dieser Sichtweise ist Gott natürlich sehr an moralischer Vollkommenheit interessiert.
Jesus rechtfertigt sein Verhalten mit jenem Gleichnis, das man bis heute fälschlicherweise das „Gleichnis vom verlorenen Sohn“ nennt. Da ist man wieder auf einer moralischen Ebene hängengeblieben und merkt nicht, dass Jesus deswegen gerade nicht dieses Gleichnis erzählt. Er erzählt es, weil er deutlich machen will, dass sein skandalöses Verhalten in seiner Gottesbeziehung begründet ist. Und das ist dann gleich der zweite Skandal! Es kann ja wohl nicht sein, dass bei Gott moralische Versager bevorzugt werden. Jesu Praxis und sein Gleichnis werfen alle Gottesbilder über den Haufen, die am Ende nur unserem eigenen Wunschdenken entspringen und Gott dafür missbrauchen, um vor allem sich selbst zu rechtfertigen und eigene Lieblosigkeiten gleich mit, die man all‘ jenen zuteil werden lässt, die die hohen moralischen und religiösen Standards nicht einhalten (können).
Mit diesem Rechnungsdenken hat der Gott Jesu in der Tat nicht viel zu tun. Die Praxis Jesu wirft alle Theorien über den Haufen, die Religion zu einem spirituellen Wirtschaftsunternehmen machen wollen. Gottes unbegreifliche Liebe und Barmherzigkeit ist tatsächlich auch eine Zumutung, besonders für jene, die sich dauernd selbst rechtfertigen müssen. Das allerdings brauchen die sog. „Zöllner und Sünder“ gar nicht erst versuchen. Da gab’s einfach nichts, mit dem man sich selbst rechtfertigen könnte.
Ausgerechnet an den Zöllnern und Sündern konnte deutlich werden, wie bedingungslos wir von Gott geliebt sind. Das ist wirklich unglaublich und manchmal auch ärgerlich, wenn es nicht gerade uns selber betrifft.
Die Zöllner und Sünder haben diese Liebe intuitiv in diesem Jesus verstanden und sich in einer Weise angeschaut gefühlt, wie sie es wohl bisher kaum erfahren haben. Das haben sie natürlich freudig angenommen. Sie sind es, die geradezu zum Sakrament der Liebe Gottes werden. Für sie war und ist das zu Jesus gehen „Laetare“. Für die strengen Asketen und Moralisten natürlich nicht. Für sie ist „Laetare“ nur dann, wenn sie stolz auf ihre Leistungen sein und glauben können, dass Gott sie deswegen besonders liebt.
Im Gleichnis Jesu verstehen wohl beide Söhne nicht wirklich, was für eine unfassbare Liebe der Vater hat. Um Gottes willen also lasst uns mit Zöllnern und Sündern zu Jesus gehen und „Laetare“ feiern als ein freudiges Bekenntnis zu Gottes wirkliche, aber tröstliche, Liebe und Barmherzigkeit. Amen.
(P. Thomas Röhr OCT)