15. Sonn­tag im Jah­res­kreis B (11.07.2021)

(Am 7, 10–17; Eph 1, 3–14; Mk 6, 7–13)

Lie­be Schwes­tern und Brüder,

ich den­ke, dass die bi­bli­schen Tex­te uns ja ir­gend­et­was mit auf den Weg ge­ben sol­len. Manch­mal ist es schwer, die­ses „Et­was“ zu fin­den. Zu fremd er­schei­nen die Tex­te, zu weit weg von un­se­rer heu­ti­gen Le­bens­wirk­lich­keit. Trotz­dem soll­ten wir nicht gleich ab­schal­ten, son­dern of­fen­blei­ben. Denn es kann sein, dass uns doch un­ver­hofft und un­er­war­tet ein Wort, ein Bild, ei­ne Ge­schich­te be­rührt. Der Pre­di­ger oder die Pre­di­ge­rin be­mü­hen sich um ei­ne zeit­ge­mä­ße Aus­le­gung. Aber es bleibt na­tür­lich ein­sei­tig ih­re Sicht, ein An­ge­bot an die Hö­rer und Hö­re­rin­nen, die­ses oder je­nes wei­ter­zu­den­ken bzw. zu me­di­tie­ren. Und oft be­rührt der Geist Got­tes die Her­zen, wie, wann und wo er will. Haupt­sa­che sie sind eben of­fen, da­mit er ein­tre­ten und wir­ken kann.
Gott macht es den Re­li­gi­ons­ver­tre­tern nicht ge­ra­de leicht. Sei­ne Pro­phe­ten und Pro­phe­tin­nen kom­men in der Re­gel nicht aus de­ren Rei­hen. Sie sind oft Lai­en, wie in den heu­ti­gen Tex­ten der Pro­phet Amos aus dem 8. Jahr­hun­dert v.Ch. und im Evan­ge­li­um Je­sus sel­ber, auf des­sen Stirn nicht stand, dass er der Sohn Got­tes ist. Amos wei­ger­te sich so­gar, Pro­phet ge­nannt zu wer­den und Je­sus be­zeich­ne­te sich wohl am liebs­ten als „Men­schen­sohn“. Re­form­be­we­gun­gen in der Kir­che wa­ren oft Lai­en­be­we­gun­gen, vie­le Or­den wa­ren zu Be­ginn rei­ne Lai­en­ge­mein­schaf­ten. Es ist klar, dass die Re­li­gi­ons­ver­tre­ter mit sol­chen Pro­phe­ten und Pro­phe­tin­nen oft frem­deln, sind sie doch nicht aus­ge­bil­det und of­fi­zi­ell ge­sen­det. Es gibt ver­mut­lich vie­le sol­cher von Gott ge­sand­ten Men­schen, so­zu­sa­gen als „Ge­bets­er­hö­rung“ für sog. „geist­li­che Be­ru­fe“. Aber man sieht sie nicht oder will sie nicht se­hen.
Der Ober­pries­ter von Bet-El, Ama­za, ist schärfs­ter Geg­ner von Amos und will ihn ver­trei­ben. War­um? Amos ruft nicht zu mehr Fröm­mig­keit auf, son­dern zu mehr so­zia­ler Ge­rech­tig­keit. Denn der Lu­xus der we­ni­gen Rei­chen führ­te zu mehr Aus­beu­tung und Ver­elen­dung der Ar­men. Amos sah schon da­mals dar­in ein Zei­chen rea­len Un­glau­bens, der sich hin­ter tol­lem Kult und re­li­giö­sem Ak­tio­nis­mus ver­steck­te. Ja, ein zu­tiefst un­ge­recht ge­wor­de­nes Sys­tem ver­such­te, sich noch re­li­gi­ös zu le­gi­ti­mie­ren. Das konn­te frei­lich der Pries­ter Amazja nicht to­le­rie­ren. Und es ist doch im­mer schwer, lieb­ge­wor­de­ne Tra­di­tio­nen zu las­sen, weil sie Un­recht stüt­zen oder nicht mehr zeit­ge­mäß ge­wor­den sind. Ist Amos wirk­lich 3000 Jah­re von uns ent­fernt?
Frei­lich hilft nicht nur ei­ne un­re­flek­tier­te Kri­tik ge­gen „die da oben“. Denn wir al­le sind im­mer auch Teil ei­nes Sys­tems.
Wenn wir uns heu­te al­so al­le von Amos, von gott­ge­sand­ten Pro­phe­ten und Pro­phe­tin­nen, an­ge­spro­chen füh­len wol­len, dann fra­gen sie uns im­mer, ob un­se­re Le­bens­wei­se, un­se­re Le­bens­ein­stel­lun­gen, un­se­re re­li­giö­se Pra­xis, ein Bei­trag für mehr Mensch­lich­keit, Ge­rech­tig­keit, Barm­her­zig­keit und Lie­be ist. Got­tes Pro­phe­ten und Pro­phe­tin­nen müs­sen kei­ne Kirch­gän­ger sein, sie müs­sen nicht ein­mal re­li­gi­ös oder aus­ge­wach­sen sein. Ei­nes aber sind sie im­mer: es sind oft still Lie­ben­de, oft dar­um Lei­den­de und Ver­letz­te, und manch­mal auch zor­ni­ge, die al­les Un­recht, al­le Un­ge­rech­tig­keit und Lie­belo­sig­keit beim Na­men nen­nen.
Las­sen wir uns er­mu­ti­gen, Le­bens­wen­den zu wa­gen, die uns den Men­schen, uns selbst, den Ge­schöp­fen, der Mut­ter Er­de und dar­um wie­der auch Gott nä­her­brin­gen. Amen.

(P. Tho­mas Röhr OCT)