19. Sonn­tag im Jah­res­kreis C (07.08.2022)

(Weish 18, 6–9; Hebr 11, 1–2.8–19; Lk 12, 32–48)

Lie­be Schwes­tern und Brü­der,
ein biss­chen rat­los las­sen mich die heu­ti­gen, bi­bli­schen Le­sun­gen schon zu­rück. Wenn ich ver­su­che, ein An­lie­gen in ih­nen zu se­hen, dann scheint es mir, als wä­re es an­ge­sichts kri­seln­der Zei­ten die Auf­for­de­rung, den Glau­ben zu be­wah­ren. Das ist na­tür­lich ein An­lie­gen al­ler Zei­ten, wo­bei die doch recht un­ter­schied­lich be­ant­wor­te­te Fra­ge je­ne ist, was mit „Glau­ben“ ei­gent­lich ge­meint ist?! Das Buch der Weis­heit er­in­nert an ver­gan­ge­ne Zei­ten, an je­ne iden­ti­täts­stif­ten­de Er­fah­rung der Is­rae­li­ten von Be­frei­ung aus Un­ter­drü­ckung und Not, wie es im Buch Exo­dus fest­ge­hal­ten ist. Men­schen ha­ben Be­frei­ungs­er­fah­run­gen im­mer wie­der als Ge­schenk ge­deu­tet. Wir sel­ber er­le­ben solch‘ über­ra­schen­de Wen­dun­gen zum Po­si­ti­ven doch auch als Ge­schenk, als ein Wun­der, für das wir ein­fach nur dank­bar sind. Wenn man äl­ter wird und die Fra­gen des be­grenz­ten Le­bens im­mer auf­dring­li­cher wer­den, dann ist schon je­der neu ge­schenk­te Mor­gen ein dank­bar an­ge­nom­me­nes Wun­der.
Na­tür­lich soll die­se Hoff­nung be­stärkt wer­den, dass sich auch in un­se­rem Le­ben im­mer wie­der Wun­der der Be­frei­ung er­eig­nen wer­den. Es pas­siert ja auch. Es pas­siert ja auch nicht! Wie vie­le Men­schen ha­ben schon ge­hofft und kein Wun­der ist pas­siert! Klar, dann will man we­nigs­tens ei­ne himm­li­sche Hoff­nung, ei­nen Him­mel für al­le, de­nen ein mensch­li­ches und er­füll­tes Le­ben auf Er­den ver­wehrt blieb. Der Glau­be, um den es al­so heu­te geht, ist nicht fest­ge­schrie­ben in di­cken Bü­chern, ist nicht fest­zu­hal­ten in kla­ren Dog­men. Nein, die­ser Glau­be muss im­mer wie­der neu als ei­ne Hal­tung des of­fe­nen Ver­trau­ens ge­wagt und manch­mal auch er­lit­ten wer­den, selbst dann noch, wenn, mensch­lich ge­se­hen, gar kei­ne Hoff­nung mehr be­steht, wie bei Abra­ham und Sa­ra, die noch El­tern wer­den soll­ten, ob­wohl das ei­gent­lich nicht mehr mög­lich war. Es geht al­so um je­ne Art von „Glau­ben“, die letzt­lich nicht mehr „ein­sich­tig“ und plau­si­bel ist, die tat­säch­lich wagt, oh­ne Ga­ran­tien, oh­ne Si­cher­heit, oh­ne die Er­war­tung, dass auch ein­tritt, was ver­hei­ßen wur­de, zu glau­ben.
Die­ser Glau­be ist al­les an­de­re als leicht. Er ist sel­ber noch­mal ein Wun­der, das man dank­bar ent­ge­gen­nimmt. Die­ser Glau­be ist ge­ra­de­zu ei­ne „himm­li­sche Hei­mat“, wenn ir­di­sche Hei­mat ver­lo­ren geht, in­ner­lich wie äu­ßer­lich.
Dass ei­nem bei die­ser Art des Glau­bens auch die Luft aus­ge­hen kann, zeigt das Evan­ge­li­um, das auch nicht ge­ra­de zim­per­lich ist, was die sog. „Knech­te“ an­geht, al­so je­ne, die Ver­ant­wor­tung für an­de­re tra­gen. Das sind frei­lich nicht nur die Amts­trä­ger, son­dern wir al­le, weil nie­mand von uns be­zie­hungs­los lebt. Der Glau­be im Evan­ge­li­um wird zur Sor­ge und Lie­be für an­de­re. Wo der Glau­be nicht zur Lie­be wird, mag zwar be­ein­dru­cken­de Recht­gläu­big­keit sein, aber bi­bli­scher Glau­be ist da nicht.
Der Herr im Evan­ge­li­um weist den lie­be­lo­sen Men­schen ei­nen Platz bei den Un­gläu­bi­gen zu. Das sind al­so je­ne, die die Lie­be ver­lo­ren ha­ben und nicht die, die kei­nen oder ei­nen an­de­ren Gott oder ein an­de­res Fun­da­ment für ihr Le­ben be­ken­nen.
So wol­len wir un­se­re lee­ren Her­zen und Hän­de öff­nen, da­mit uns Gott je­nen Glau­ben hin­ein­le­gen kann, den er sich er­sehnt, der uns wirk­lich trägt, der uns froh macht, er­mu­tigt und der in ei­ner lie­ben­den Hal­tung sicht­bar wird. Amen.

(P. Tho­mas Röhr OCT)