31. Sonn­tag im Jah­res­kreis (31.10.2021)

(Dtn 6, 2–6; Hebr 7, 23–28; Mk 12, 28b-34)

Lie­be Schwes­tern und Brü­der,
man­che den­ken, Je­sus hät­te mit dem Dop­pel­ge­bot der Lie­be et­was ganz Neu­es ge­sagt, was es so im Ers­ten Tes­ta­ment noch nicht ge­ge­ben hat. Das ist je­doch nicht der Fall, weil bei­de Ge­bo­te, zwar ge­trennt von­ein­an­der, so im Ers­ten Tes­ta­ment schon vor­han­den sind. Das ers­te Ge­bot ha­ben wir heu­te aus dem Buch Deu­te­ronó­mi­um ge­hört. Es ist je­nes Glau­bens­be­kennt­nis, das je­de Jü­din, je­der Ju­de, früh und abends be­tet. Das zwei­te Ge­bot der Nächs­ten­lie­be steht im Buch Le­vi­ti­kus, und zwar im Ka­pi­tel 19, Vers 18. Na­tür­lich ste­hen im Ers­ten Tes­ta­ment Din­ge, die we­nig hei­lig und gott­ge­mäß sind. Das wuss­te auch Je­sus. Und wie auch heu­te kann man sich treff­lich dar­um strei­ten, wel­che Prio­ri­tä­ten des Glau­bens man set­zen muss, um den ro­ten Fa­den des Geis­tes Got­tes auf­neh­men zu kön­nen. Das hat Je­sus in al­ler Klar­heit und Kon­se­quenz ge­tan. Vor al­lem aber hat er es ge­lebt. Das Pro­blem ist nur da­mals wie heu­te, dass vie­le Men­schen nicht mehr wirk­lich zu­hö­ren kön­nen und nicht hö­ren wol­len, was ih­re An­sich­ten in Fra­ge stellt. Dar­um heißt es ja zu­recht am Be­ginn des ers­ten Ge­bo­tes: „Hö­re!“. Viel­leicht ist dies auch ei­ne wich­ti­ge Form des Be­tens, die nicht zu­erst Re­den, son­dern Hö­ren und Stil­le be­deu­tet. Still wer­den al­so vor dem Lärm un­se­rer Ge­dan­ken und dem Wir­bel in un­se­ren Her­zen. Still wer­den vor al­lem, was ich an­geb­lich al­les für Gott tun muss, um sei­ne Lie­be zu ge­win­nen. Denn zu­erst soll ich die ein­zig wah­re, gött­li­che Stim­me ver­neh­men, die mir ins Herz flüs­tert: „Du bist un­end­lich ge­liebt!“. Das ist zu­nächst ein­mal die ein­zig wich­ti­ge Wahr­heit un­se­res Le­bens. Dar­um ist das Ge­heim­nis Got­tes ein­zig, weil Göt­zen uns eher Angst ma­chen und uns in­ner­lich wie äu­ßer­lich ver­skla­ven wol­len. Gott aber be­freit von Angst, von Le­ben, das nicht ge­lebt wer­den darf. Das heißt in der Bi­bel „Exo­dus“, Aus­zug aus le­bens­feind­li­chen Zu­sam­men­hän­gen. Da aber Angst nicht zur Lie­be passt, be­freit Gott auch zu angst­frei­er Lie­be. Gott zu lie­ben, heißt, ihm glau­ben und ver­trau­en, dass wir wirk­lich sei­ne ge­lieb­ten Kin­der sind, und zwar mit oder oh­ne Tauf­schein. Nicht nur mit dem Kopf, nicht nur in wort­rei­chen Be­kennt­nis­sen, son­dern in Ganz­heit, mit Herz, See­le, Ver­stand und wirk­lich al­ler Kraft. Ge­nau das ist das ers­te Zeug­nis Je­su: lernt, Gott zu lie­ben.
Da­mit aber nie­mand meint, dass die­se Lie­be vor al­lem ei­ne be­stimm­te Form re­li­giö­ser Pra­xis und Leis­tung be­deu­tet, bin­det er die Lie­be zu Gott an die Lie­be zum Nächs­ten. Ob al­so ein Mensch gott­ver­bun­den lebt, sieht man nicht an sei­ner re­li­giö­sen Leis­tung, son­dern an sei­ner kon­kre­ten, all­täg­lich ge­leb­ten, Lie­be. Ge­nau die­ses zwei­te Zeug­nis Je­su, das Je­sus ge­lebt hat, woll­ten vie­le, from­me Leis­tungs­trä­ger und Amts­trä­ger nicht hö­ren, ver­mut­lich bis heu­te nicht. Wer al­so wirk­lich zu­ge­hört hat, wer al­so mit dem Her­zen hört, der wird ein Lie­ben­der zu sein ver­su­chen, an­ge­steckt vom Ge­heim­nis Got­tes, das un­end­li­che Lie­be be­deu­tet und das sich da­nach sehnt, wirk­lich ge­liebt und nicht nur be­nutzt und miss­braucht zu wer­den. Mö­ge uns sein Geist im­mer mehr zu Men­schen wan­deln, die We­ge der Lie­be ge­hen und so Zeug­nis ge­ben vom Ge­heim­nis der Lie­be, das uns Je­sus so lie­be­voll na­he­ge­bracht hat. Amen.

(P. Tho­mas Röhr OCT)