Pre­digt zum 16. Sonn­tag im Jah­res­kreis (19.07.2020)

(Weish 12,13.16–19; Ps 86,5–6.9–10.15–16; Röm 8,26–27; Mt 13,24–43)

Lie­be Ge­mein­de,

ich ha­be in den letz­ten Mo­na­ten, ei­gent­lich seit Be­ginn der Co­ro­na-Ein­schrän­kun­gen, häu­fig Bröt­chen ge­ba­cken. Ich fand es span­nend, un­ter­schied­li­che Re­zep­te aus­zu­pro­bie­ren, mit den Zu­ta­ten zu ex­pe­ri­men­tie­ren. Nur – den Teig ge­hen zu las­sen, das fand ich erst­mal läs­tig. Un­ter­schied­li­che Re­zep­te hat­ten da un­ter­schied­li­che Vor­ga­ben, und ich ha­be mich erst­mal auf die Re­zep­te kon­zen­triert, die nur ei­ne kur­ze Geh­zeit vor­sa­hen.

Und dann las ich in mei­nem Ka­len­der zur Fas­ten­zeit die Er­in­ne­rung ei­nes Man­nes, der in sei­ner Kind­heit die Groß­mutter beim Brot­ba­cken be­ob­ach­te­te – und an der im­mer glei­chen Stel­le sag­te sie: Und jetzt kommt das wich­tigs­te: „Nix, ge­hen las­sen!“ Und ge­nau wie ich frag­te er sich, wie „Nix, ge­hen las­sen!“, bei al­len den Mü­hen um den Teig, das Wich­tigs­te sein konn­te.

Heu­te ha­ben wir im Evan­ge­li­um un­ter an­de­rem das Gleich­nis vom Sauer­teig ge­hört, da fiel mir die­ser Text wie­der ein. Im bi­bli­schen Text wird ja von kei­nem nor­ma­len Brot­ba­cken be­rich­tet: Es geht hier um drei Sea Mehl. Die bi­bli­schen Quel­len sind nicht ein­deu­tig, wel­che Men­ge das ge­nau um­fasst, aber ir­gend­wie zwi­schen 20 und 40 Ki­lo­gramm Mehl sol­len das wohl sein — ei­ne Men­ge, die wohl kaum für den täg­li­chen Be­darf ei­ner Fa­mi­lie ge­dacht ist. Die Hö­rer Je­su ha­ben das ver­stan­den und ge­merkt: Hier geht’s um was Be­son­de­res. Ein Ear­cat­cher, wür­den wir heu­te sa­gen, der die Auf­merk­sam­keit fes­seln soll.

Un­ter die­ser Men­ge Mehl ver­barg ei­ne Frau Sauer­teig – da­mit auch ei­ne gro­ße Men­ge – und die­ses Ge­sche­hen gleicht dem Him­mel­reich, dem Reich Got­tes.

Ich le­se da her­aus: So wie der Sauer­teig sich mit dem Mehl und den wei­te­ren Zu­ta­ten ver­bin­det, so dass er am En­de gar nicht mehr von dem an­de­ren zu un­ter­schei­den und zu er­ken­nen ist, so ist es auch mit dem Reich Got­tes: Man kann nicht ei­nen fes­ten Zeit­punkt be­nen­nen, ab dem das Reich Got­tes da ist. Man kann auch nicht ei­nen fes­ten Ort be­nen­nen, an dem man das Reich Got­tes tref­fen kann. Aber der Sauer­teig hört nicht auf, auf den Teig ein­zu­wir­ken, er schafft stän­dig et­was Neu­es, sorgt stän­dig für Ver­än­de­rung.

Und die Frau? Ab ei­nem ge­wis­sen Punkt kann Sie ein­fach nur noch war­ten. „Nix, ge­hen las­sen!“ ist dann die De­vi­se. Wachs­tum und Ver­än­de­run­gen kann man zwar för­dern und un­ter­stüt­zen, aber man kann sie nicht ma­chen.

Ana­log ver­hält es sich auch mit den an­de­ren bei­den Gleich­nis­sen, die wir heu­te ge­hört ha­ben: Das Senf­korn, das ein Mann sät und das zu ei­nem gro­ßen Baum her­an­wächst, braucht die ent­spre­chen­den Be­din­gun­gen (ein Be­ton­bo­den ist das ge­nau­so we­nig wie ein Sumpf­ge­biet) – aber stim­men die Be­din­gun­gen, dann wächst er ein­fach aus sich her­aus.

Und das Gleich­nis vom Un­kraut zwi­schen dem Wei­zen? Das Un­kraut wird so­gar ge­nau­er be­nannt: Es geht um Tau­mel­l­olch, der dem Wei­zen sehr ähn­lich sieht, aber ein star­kes Ner­ven­gift ent­hal­ten kann. Aber Je­sus weist dar­auf hin: Für den Pro­zess des Rei­ches Got­tes in un­se­rer Welt geht es nicht dar­um, aus­zu­rei­ßen und zu tren­nen – son­dern wach­sen zu las­sen. Al­so auch wie­der: Ge­duld ha­ben, nicht schnel­le, viel­leicht vor­ei­li­ge Ent­schei­dun­gen tref­fen und nicht nur aus dem ei­ge­nen Blick­win­kel ent­schei­den.

Was heißt das nun für uns? Die Hän­de in den Schoß le­gen und ein­fach ab­war­ten? Nein, ich den­ke, es geht schon dar­um, auf un­se­re Art und Wei­se das Wachs­tum des Rei­ches Got­tes zu be­glei­ten und zu för­dern – und im­mer wie­der sei­ne Spu­ren zu ent­de­cken und dar­über zu stau­nen.

Ei­nen Tipp da­zu gibt auch noch der heu­te ge­hör­te Ab­schnitt aus dem Rö­mer­brief: Wir dür­fen ver­trau­en, dass wir mit un­se­rer klei­nen Kraft nicht al­les schaf­fen müs­sen, son­dern auf Got­tes Geist ver­trau­en dür­fen. Und auch un­ser Ge­bet darf da­von ge­prägt sein, dass wir nicht vie­le Wor­te ma­chen, sei­en es ei­ge­ne, sei­en es über­lie­fer­te und von an­de­ren for­mu­lier­te – son­dern dass wir in Stil­le Gott be­geg­nen. Auch im Ge­bet kann al­so „Nix, ge­hen las­sen“ ein gu­tes Leit­mo­tiv sein – denn wenn wir al­le un­se­re ei­ge­nen Wün­sche und An­lie­gen bei­sei­te schie­ben, dann kann Got­tes Sauer­teig auch in uns auf­ge­hen.

Das wün­sche ich Ih­nen für die­sen Tag und die Wo­che – und dar­über hin­aus: Dass Sie sich im­mer mal wie­der sa­gen kön­nen: „Nix, ge­hen las­sen“ und dar­in sich sel­ber und Gott ganz na­he kom­men.

Dia­kon Marc Teu­ber