Palm­sonn­tag 2022 (10.04.)

(Jes 50, 4–7; Phil 2, 6–11; Lk 19, 28–40)

Lie­be Schwes­tern und Brüder,

der Palm­sonn­tag steht ganz im Zei­chen des Ein­zugs Je­su in Je­ru­sa­lem. Durch das Le­sen der Pas­si­on aber tritt er völ­lig in den Hin­ter­grund und wird schon ein Stück Kar­frei­tag vor­weg­ge­nom­men. Ich hal­te das nicht für an­ge­mes­sen und emp­fin­de die­sen Sonn­tag dar­um mit der Pas­si­on zu über­la­den. Ich ver­ste­he ja, dass man ger­ne auch je­ne Pas­si­on zu Ge­hör brin­gen möch­te, die im kon­kre­ten Le­se­jahr dran ist. Und das ist im Le­se­jahr C die Pas­si­on des Evan­ge­lis­ten Lu­kas. Aber war­um muss es am Kar­frei­tag im­mer nur die Jo­han­nes­pas­si­on sein, die für mich in ih­rem pau­scha­len Spre­chen von den Geg­nern Je­su als “die Ju­den” doch sehr stark an­ti­se­mi­tisch miss­ver­stan­den wer­den kann?! Und na­tür­lich stirbt hier Je­sus ziem­lich sou­ve­rän am Kreuz, was wohl der Rea­li­tät der Kreu­zi­gung nicht an­ge­mes­sen scheint. Ich wür­de al­so emp­feh­len, die Pas­si­on am Palm­sonn­tag weg­zu­las­sen und sie statt­des­sen am Kar­frei­tag zu le­sen, da­mit der Palm­sonn­tag das bleibt, was er sein möch­te, näm­lich die Er­in­ne­rung an den Ein­zug Je­su in Jerusalem.

Was ich an Je­sus im­mer wie­der am meis­ten, und so auch heu­te, be­wun­de­re, ist sei­ne Frei­heit, sei­nen ei­ge­nen Weg kon­se­quent zu gehen.

Wie groß ist doch im­mer wie­der die Ver­su­chung, um des lie­ben Frie­dens wil­len oder um die Er­war­tun­gen an­de­rer nicht zu ent­täu­schen, nicht mehr auf sein Herz zu hö­ren und ent­ge­gen ei­ge­ner, tiefs­ter Über­zeu­gun­gen zu han­deln! Wer wür­de es denn nicht toll fin­den, so be­geis­tert be­grüßt zu wer­den, wie Je­sus heu­te bei sei­nem Ein­zug in Je­ru­sa­lem? Al­ler­dings kann es kaum ei­nen grö­ße­ren Wi­der­spruch zwi­schen Esel und Ho­sanna­ru­fen und Palm­zwei­gen ge­ben, als es heu­te im Evan­ge­li­um zu hö­ren bzw. zu le­sen ist.

Ich könn­te mir gut vor­stel­len, wie un­an­ge­nehm Je­sus sel­ber in die­sem Au­gen­blick die­se gan­ze Ho­si­an­n­a­be­geis­te­rung war. Frei­lich kann man in die­se Sze­ne schon das Be­kennt­nis zu Je­sus als den de­mü­ti­gen Frie­dens­kö­nig hin­ein­le­sen. Aber schmerz­lich ist es für Je­sus und Gott schon, im­mer wie­der zu er­fah­ren, wie sehr sie in fal­schen Er­war­tun­gen, Bil­dern und Vor­ur­tei­len ge­fan­gen­ge­nom­men wer­den. Dar­um ist es ja auch heut­zu­ta­ge so leicht, aus eben noch be­geis­ter­ten Ho­sanna­ru­fen ein “Kreu­zi­ge ihn oder sie” zu ma­chen, nur weil man nicht be­reit war, dem Main­stream oder fal­schen Er­war­tun­gen zu entsprechen.

Ich glau­be dar­um, dass heu­te am Palm­sonn­tag Je­sus ge­ra­de je­ne et­was trös­ten möch­te, de­nen es ge­nau­so er­geht, wie Je­sus selbst. Ich bin so froh, dass Je­sus so kon­se­quent am Weg der Lie­be fest­ge­hal­ten hat bis zum bit­te­ren En­de der Kreu­zi­gung. Gott sei Dank, wis­sen wir, dass Gott die­sen Weg in der Auf­er­ste­hung Je­su be­stä­tigt hat.

Ich wün­sche al­len Men­schen je­nen Mut und je­ne Kraft, ih­ren tiefs­ten Über­zeu­gun­gen zu fol­gen, wie Je­sus es ge­tan hat. Für uns als Chris­ten ist es im­mer wie­der auch der Auf­trag, Je­sus auf dem Weg der Lie­be zu fol­gen in Kir­che und Ge­sell­schaft, auch wenn uns die Lie­be, die uns eben noch ge­krönt hat, von Zeit zu Zeit auch kreu­zigt, wie es der li­ba­ne­si­sche Dich­ter Kha­lil Gi­bran for­mu­liert hat: “Wo die Lie­be dich krönt, kreu­zigt sie dich auch!” 

Die­se Lie­be Je­su fei­ern wir heu­te, fei­ern wir in der Kar­wo­che, fei­ern wir Os­tern und am bes­ten Tag für Tag. Amen.

(P. Tho­mas Röhr OCT)