Pre­digt zu Al­ler­hei­li­gen 2020

(Sir 18, 1–14; 1 Joh 3, 1–3; Mt 5, 1–12a)

Pre­digt von P. Tho­mas Röhr OCT — Audioversion

Lie­be Schwes­tern und Brü­der,
„Ich möch­te kein Hei­li­ger sein, mit ih­nen lebt es sich so schwer“, so schrieb die hl. Te­re­sa von Ávi­la (1515–1582). Na­tür­lich hat sie da ein be­stimm­tes Bild von Hei­lig­keit vor Au­gen, wie es oft noch heu­te an­zu­tref­fen ist. Fast al­le Hei­li­gen­le­gen­den und ‑bio­gra­fien zeich­nen eher das Bild von Hei­lig­keit, das sich je­de Zeit so macht, aber mit der Hei­lig­keit, die Gott will und schenkt, hat das so gar nichts zu tun. Na­tür­lich be­wun­dern wir die Leis­tun­gen man­cher Men­schen, ih­re Le­bens­hin­ga­be, ihr ho­hes, mo­ra­li­sches und re­li­giö­ses Ni­veau. Aber lie­bens­wert und nach­ah­mens­wert fin­den wir sie oft nicht. Was Te­re­sa meint, sind eher Men­schen, die in ih­re ei­ge­ne, ver­meint­li­che Hei­lig­keit so ver­liebt sind, dass sie kaum noch lie­bes- und ge­mein­schafts­fä­hig sind. Au­ßer­dem ist die Ge­fahr groß, Hei­lig­keit nur mit per­sön­li­cher Leis­tung zu ver­bin­den und so aus dem Him­mel der Gna­de her­aus­zu­fal­len. Denn Lie­be ist doch ein Ge­schenk, das sich zu­min­dest bei Gott nie­mand ver­die­nen kann und muss. Es gab und gibt kei­nen und wird nie­mals ei­nen Hei­li­gen ge­ben, der nicht Lie­be schul­dig bleibt, der nicht auch schul­dig wird, schlicht weil er ein be­grenz­ter, ver­letz­li­cher und ver­letz­ter Mensch ist. Je­sus hat kaum mit sog. „Zöll­nern und Sün­dern“ so oft Mahl ge­hal­ten, weil sie mo­ra­lisch und re­li­gi­ös per­fekt wa­ren. Er hat schlicht den Hei­lig­keits­spieß um­ge­dreht und sein Ver­ständ­nis von Hei­lig­keit ge­lebt, näm­lich die, wie sehr Got­tes Lie­be und Barm­her­zig­keit uns hei­lig ma­chen und uns da­zu be­fä­hi­gen, Sei­ne Lie­be wei­ter­zu­ge­ben. Die­se Lie­be sah Je­sus bei „Zöll­nern und Sün­dern“ eher, als bei all­zu selbst­ver­lieb­ten und dar­um oft hart­her­zi­gen, re­li­giö­sen Ei­fe­rern.
Je­sus preist ja nicht die re­li­giö­sen Leis­tungs­sport­ler se­lig, son­dern je­ne, die im­mer wie­der neu Mensch­sein wa­gen und Mensch­wer­dung als ir­disch un­ab­ge­schlos­sen und dy­na­mi­schen Pro­zess zu­las­sen. Sie er­mu­tigt Je­sus, so wei­ter zu ma­chen und dar­in nicht nach­zu­las­sen, weil sie in die­sem gott­ge­schenk­ten Tun nicht nur Sa­kra­men­te der Lie­be Got­tes sind, son­dern so auf dem Weg ge­mein­sa­mer Mensch­wer­dung blei­ben.
Ja, man mag die Men­schen be­lä­cheln, ja, man­che von ih­nen wer­den in ih­rer Ver­letz­lich­keit viel­leicht so­gar psy­cho­lo­gi­sche Hil­fe oder gu­te Weg­be­glei­ter brau­chen, aber sie sind trotz­dem Got­tes Lieb­lin­ge und Hei­li­ge. Sie sind arm vor Gott, weil sie sich nicht vor Gott und Men­schen dau­ernd selbst recht­fer­ti­gen müs­sen. Sie kön­nen Trau­er zu­las­sen, sich Sanft­mü­tig­keit leis­ten, zu ih­rer blei­ben­den Sehn­sucht nach Ge­rech­tig­keit hier und welt­weit ste­hen. Sie sind es, bei de­nen man Barm­her­zig­keit fin­det und nicht gna­den­los ver­ur­teilt wird. Sie sind es, de­ren Her­zen wirk­lich rein und kei­ne Mör­der­gru­be sind. Sie sind es, die die Ga­be ha­ben, Frie­den zu stif­ten und sich nicht nur aus ex­tre­men Po­si­tio­nen her­aus an­zu­schrei­en. Ja, sie sind es, die Shit­s­torm er­tra­gen müs­sen, weil sie nicht dem Geist der Zeit, son­dern dem Geist Je­su fol­gen wol­len.
Freu­de und Ju­bel wünscht Je­sus ih­nen, jetzt schon.
Und schen­ke uns Gott, dass je­der Ein­zel­ne von uns und wir mit­ein­an­der Grund da­zu ha­ben. Am En­de steht nicht un­ser, son­dern Got­tes Lie­bes­tun im Vor­der­grund. Da­für dan­ken wir an die­sem Hoch­fest, in je­der Eu­cha­ris­tie­fei­er und soll­ten es im­mer wie­der tun. Amen.

P. Tho­mas Röhr OCT