Pre­digt zu Pfings­ten 2020 (31.05.2020)

(Apg 2, 1–11; 1 Kor 12, 3b‑7.12–13; Joh 20,19–23)

Pre­digt zu Pfings­ten von P. Tho­mas OCD

Lie­be Schwes­tern und Brü­der,

das Wort „Pfings­ten“ heißt wört­lich über­setzt der „50. Tag“. Pfings­ten meint al­so den 50. Tag nach Os­tern. Es ist je­ner Tag, an dem die Jün­ge­rin­nen und Jün­ger mit Hei­li­gen Geist er­füllt wur­den und Wor­te wie­der­fan­den, die von vie­len, un­ter­schied­li­chen Men­schen ver­stan­den wur­den. Das ist ja zu al­len Zei­ten wich­tig und im­mer wie­der an­zu­stre­ben. Aber es geht Pfings­ten nicht zu­erst um Wor­te, auch nicht um die Grün­dung der Kir­che, noch um die Mis­sio­nie­rung der Welt. Es geht um je­nen Geist, von dem Je­sus er­füllt war, der sei­ne Wor­te und Ta­ten, sein Ver­hal­ten, ent­schei­dend präg­te. Es war nicht ein­fach sein Geist, son­dern ein ge­mein­sa­mer. Je­sus ver­stand sich als Ge­sand­ter sei­nes Ab­ba-Got­tes. Was er sag­te und noch mehr was er tat, das war für ihn ei­ne Bot­schaft Got­tes, war Aus­druck des ge­mein­sa­men Geis­tes.
Wenn wir al­so nach Pfings­ten fra­gen, müs­sen wir uns zu­erst er­in­nern, und zwar dar­an, „wes Geis­tes Kind“ Je­sus war. Zu­nächst müs­sen wir fest­hal­ten, dass das Re­li­giö­se für Je­sus kein re­li­giö­ses Leis­tungs­prin­zip, son­dern ein lie­be- und ver­trau­ens­vol­les Be­zie­hungs­prin­zip war. Er be­frei­te die Men­schen von dem got­tes­läs­ter­li­chen Zwang, dies und je­nes tun oder las­sen zu müs­sen, um Gott zu ge­fal­len, sei­ne Lie­be ver­die­nen zu müs­sen. Je­sus er­mun­ter­te die Men­schen, dass sie Gott vor al­lem und zu­erst und be­din­gungs­los sei­ner Lie­be glau­ben, al­so ver­trau­en, soll­ten und zwar un­ter al­len Um­stän­den. Vor al­lem, lei­der oft ängst­li­chen, Fra­gen, was ich für Gott tun muss, steht die Fro­he Bot­schaft des­sen, was Gott ei­nem je­den Men­schen sagt und tut, näm­lich: „Du bist ge­liebt!“
So be­frei­end, wie das zu­nächst klingt, so schwer ist es, dies wirk­lich zu­zu­las­sen und an­zu­neh­men. Um die­se Fro­he Bot­schaft als wirk­lich be­din­gungs­los er­fahr­bar zu ma­chen, wur­de er zum „Freund der Zöll­ner und Sün­der“. Denn die­se hat­ten und ha­ben wahr­lich nichts, wor­auf man sonst in re­li­giö­sen Sys­te­men so stolz sein kann.
Pfings­ten al­so er­in­nern wir uns an Got­tes un­be­ding­te Lie­be, die in Je­sus Hand und Fuß, Herz und Ge­sicht, Fü­ße und Hän­de, be­kom­men hat. Sie dank­bar zu be­ken­nen und an­zu­neh­men, ist die ers­te Ga­be, um die wir heu­te be­son­ders bit­ten soll­ten.
Wenn sie je­dem von uns per­sön­lich ge­schenkt wird, dann fängt sie an, uns zu be­we­gen. Sie be­wegt un­ser Le­ben und lässt uns mög­li­cher­wei­se neue Prio­ri­tä­ten set­zen. Sie be­wegt uns aber auch, die Se­gel un­se­res Le­bens­boo­tes in den lie­be­vol­len Wind Got­tes zu rich­ten und in neu­er Wei­se wie­der zu­ein­an­der zu fin­den. Denn wie oft ist das re­li­giö­se Ver­hal­ten der Men­schen eher ei­ne Ab­gren­zung und un­gu­te Selbst­er­hö­hung, die Men­schen von­ein­an­der trennt oder gar ge­gen­ein­an­der auf­bringt.
Je­sus bin­det Got­tes Ge­gen­wart an die Zu­wen­dung, Barm­her­zig­keit und Mensch­lich­keit von Men­schen und nicht an re­li­giö­se oder mo­ra­li­sche Leis­tun­gen, nicht an die rech­te Leh­re oder an noch so tol­le Got­tes­diens­te. „Re­li­gi­ös“ im Geis­te Je­su ist nicht, wer am meis­ten be­tet, son­dern wer am meis­ten liebt. „Re­li­gi­ös“ im Geis­te Je­su ist, wer in sei­nem per­sön­li­chen Weih­nach­ten vor­an­schrei­tet, al­so in sei­ner ei­ge­nen Mensch­wer­dung reift.
Die zwei­te Ga­be, um die wir heu­te al­so bit­ten soll­ten, ist, dass wir uns von Got­tes lie­be­vol­len Geist er­grei­fen, ver­wan­deln und uns be­we­gen las­sen soll­ten, um in ge­teil­ten Mensch­sein zu wach­sen und zu rei­fen. Selbst­ver­ständ­lich schließt das ei­ne lie­be­vol­le Hal­tung un­se­ren Mit­ge­schöp­fen ge­gen­über mit ein.
Die Fra­ge ist na­tür­lich, ob wir ein sol­ches Pfings­ten wirk­lich wol­len. Auch, wenn Got­tes­diens­te in der Kir­che wich­tig und er­sehnt sind: in ih­nen er­in­nern wir uns doch auch dar­an, dass der wich­tigs­te Got­tes­dienst je­ner ist, bei dem wir uns dem Geis­te Je­su und sei­nes Va­ters über­las­sen, um ge­las­sen und mit gro­ßem Ver­trau­en im Fahr­was­ser der Lie­be mit­ein­an­der un­ter­wegs zu sein, wo und wie im­mer das ge­schieht. Amen.

Eu­er / Ihr

P. Tho­mas