Pre­digt zum 23. Sonn­tag im Jah­res­kreis (06.09.2020)

(Ez 33, 7–9; Röm 13, 8–10; Mt 18, 15–20)

Pre­digt von P. Tho­mas Röhr OCT — Au­dio­ver­si­on

Lie­be Schwes­tern und Brü­der,

Egal, in wel­cher Form von Ge­mein­schaft Men­schen mit­ein­an­der le­ben, das Mit­ein­an­der soll­te von Lie­be, Wert­schät­zung und Re­spekt ge­prägt sein. Da wir aber ein­ma­li­ge und ge­heim­nis­vol­le We­sen sind und blei­ben, ist das Mit­ein­an­der nicht im­mer ein­fach. Auf der ei­nen Sei­te kann Ge­mein­schaft ei­ne Wohl­tat, ein Ort der Ge­bor­gen­heit, der Er­mu­ti­gung und des Tros­tes sein. Auf der an­de­ren Sei­te kann Ge­mein­schaft auch ein Ort der Zu­mu­tung, des Kon­flik­tes, des Nicht-ver­ste­hen-kön­nens, des müh­sa­men Zu­ein­an­der­fin­dens sein. Das er­for­dert al­les rei­fe For­men der Lie­be. Ei­ne Form der Lie­be scheint be­son­ders hei­kel und schwie­rig. Da­von han­deln auch die bi­bli­schen Tex­te heu­te. Es geht in Be­zie­hun­gen auch um die Ver­ant­wor­tung, die wir für­ein­an­der ha­ben, wenn wir Kri­tik üben müs­sen. Das wird nie leicht­fal­len, das soll­te auch nie leicht­fal­len. Kri­tik und Ta­del er­schei­nen oft wie ei­ne Waf­fe. Sie kön­nen das Ge­fühl ver­mit­teln, dass man als gan­ze Per­son ab­ge­lehnt ist. Kri­tik, der es grund­sätz­lich an Lie­be, Wohl­wol­len und Re­spekt man­gelt, er­reicht ers­tens gar nichts und be­geht zwei­tens den Feh­ler, dass sie noch kri­tik­wür­di­ger ist als das, was sie zu kri­ti­sie­ren hat. Oh­ne Zwei­fel ist Kri­tik üben müs­sen ei­ne ho­he Kunst der Lie­be und kei­ne leich­te Auf­ga­be, be­son­ders wenn es sich um Men­schen han­delt, die uns viel be­deu­ten. Denn wir wol­len ja nicht ver­let­zen, noch den Men­schen ver­lie­ren. Tun wir es aber aus Angst nicht, ver­hin­dern wir Wachs­tum, las­sen wir Men­schen viel­leicht in ei­ne Sack­gas­se ge­ra­ten, was noch schmerz­li­cher als die Kri­tik sein kann.

Die bi­bli­schen Tex­te heu­te ha­ben al­so das The­ma der Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der. Sie spre­chen nicht un­be­dingt un­se­re Spra­che und es gä­be Ei­ni­ges da­zu zu sa­gen, zu hin­ter­fra­gen. Aber das The­ma ist wich­tig und zeit­los.

Je­sus konn­te schar­fe Kri­tik üben, wo er auf Men­schen traf, die gna­den­los, er­bar­mungs­los und selbst­herr­lich Kri­tik üb­ten, z.B. wenn es um die sog. „Zöll­ner und Sün­der“ ging. De­ren Freund war ja be­kannt­lich Je­sus, was sei­ne Geg­ner ja auch hef­tig kri­ti­sier­ten. Den „Zöll­nern und Sün­dern“ ver­mit­tel­te er das Ge­fühl, dass von Gott her kei­ne gna­den­lo­se und er­bar­mungs­lo­se Kri­tik zu er­war­ten ist, son­dern ei­ne grund­sätz­li­che und un­wi­der­ruf­li­che An­nah­me. Erst in die­sem Ho­ri­zont der Lie­be kann Kri­tik an­ge­nom­men wer­den und ei­ne Ver­än­de­rungs­dy­na­mik in Gang set­zen. Da­bei geht es nicht dar­um, mit der Kri­tik Ei­gen­in­ter­es­sen durch­zu­set­zen, son­dern We­ge des Le­bens und der Lie­be auf­zu­zei­gen. Nein, nie­mand soll­te ir­gend­wann wie „ein Hei­de oder Zöll­ner“ für uns sein (Mt 18,17). Nie­mand ver­liert sei­ne Wür­de der Got­tes­kind­schaft. Wenn al­so gilt, dass wir nie­mand et­was schul­dig blei­ben dür­fen, au­ßer die ge­gen­sei­ti­ge Lie­be (Röm 13, 8), dann schließt das Kri­tik nicht aus, son­dern ein. Der Rah­men des Mit­ein­an­ders bleibt im­mer die Lie­be. Sie soll das letz­te Wort ha­ben, nicht die Kri­tik, nicht die Ex­kom­mu­ni­ka­ti­on, nicht die Mo­ral, nicht die Dog­ma­tik. Dann ge­ben wir Gott die Chan­ce, uns zur Er­fah­rung wer­den zu las­sen, was am En­de des Evan­ge­li­ums steht: „Wo zwei oder drei in mei­nem Na­men ver­sam­melt sind, da bin ich mit­ten un­ter ih­nen.“ (Mt 18, 20)

P. Tho­mas Röhr OCT