Pre­digt zum 30. Sonn­tag im Jah­res­kreis (25.10.2020) – Sonn­tag der „Welt­mis­si­on“

(Ex 22, 20–26; 1 Thess 1, 5c-10; Mt 22, 34–40)

Pre­digt von P. Tho­mas Röhr OCT — Audioversion

Lie­be Schwes­tern und Brü­der,
in der 1. Le­sung aus dem Buch Exo­dus ha­ben wir ein Stück aus dem sog. „Bun­des­buch“ ge­hört. Es wur­de un­ge­fähr um 700 v.Chr. ge­schrie­ben. Das be­son­de­re In­ter­es­se galt dem So­zi­al­recht. Denn bi­blisch sind nicht der Kult oder be­son­de­re, re­li­giö­se Übun­gen ent­schei­dend, son­dern ge­ra­de die Pro­phe­ten ver­bin­den die Got­tes- vor al­lem mit der Nächs­ten­lie­be. Das se­hen wir bei Je­sus nicht an­ders. Schaut man sich den his­to­ri­schen Hin­ter­grund des Bun­des­bu­ches an, so scheint es, als ob die mensch­li­chen Pro­ble­me im­mer die glei­chen sind. 722 v.Chr. wur­de das Nord­reich Is­ra­el durch die As­sy­rer aus­ge­löscht. Wie heu­te, so lö­sen krie­ge­ri­sche Kon­flik­te Flücht­lings­strö­me aus, gibt es vie­le Wai­sen und Wit­wen, ver­die­nen be­stimm­te Krei­se viel Geld mit der Not und dem Elend von kriegs­ge­plag­ten Men­schen. Im­mer wie­der ist es Gott selbst, der sei­ne Stim­me ge­gen Un­recht und Aus­beu­tung er­hebt, wo Men­schen schein­bar die Spra­che und ihr em­pha­ti­sches Herz ver­lo­ren ha­ben. Ha­ben dann Men­schen das Recht, sich über Got­tes Zorn auf­zu­re­gen, ja nur noch ein­sei­tig ei­nen Gott des Zor­nes zu be­kla­gen und ab­zu­leh­nen? So kann man sich auch sei­ner ei­ge­nen Ver­ant­wor­tung ent­zie­hen.
Wäh­rend das Ge­bot der Lie­be doch zu­nächst recht all­ge­mein klingt und am En­de viel­leicht kei­ne Ta­ten her­vor­bringt, ist das Buch Exo­dus heu­te schon recht kon­kret. Es hat ja doch kei­nen Sinn, die Lie­be als wich­tigs­tes Ge­bot zu fei­ern und es bei Be­trof­fen­heits­ver­an­stal­tun­gen zu be­las­sen, die am En­de nie­man­den weh tun, nichts wirk­lich ver­än­dern, au­ßer dass man sich selbst doch ziem­lich toll fin­det. Seit Je­sus das Ge­bot der Got­tes­lie­be mit dem Ge­bot der Nächs­ten­lie­be aus­drück­lich ver­bun­den hat, ist wah­rer Got­tes­glau­be oh­ne kon­kre­te Nächs­ten­lie­be nicht mehr vor­stell­bar. Aber neu ist das dann nicht wirk­lich, denn schon vie­le Pro­phe­ten des 1. Tes­ta­men­tes ha­ben es in ih­ren Bot­schaf­ten in Got­tes Na­men ähn­lich ge­macht. Bis heu­te ist es pro­vo­ka­tiv und är­ger­lich, dass die Lie­be am En­de wich­ti­ger ist als noch so tol­le Got­tes­diens­te und toll ar­ran­gier­te Glau­bens­be­kennt­nis­se, als wie­der er­hoff­tes, flä­chen­de­cken­des Chris­ten­tum. Ge­ra­de in den Kri­sen­re­gio­nen un­se­rer Er­de, wie eben auch in West­afri­ka, das heu­te im Blick­punkt des Welt­mis­si­ons­sonn­ta­ges steht, en­ga­gie­ren sich Chris­ten um Got­tes wil­len für Men­schen in Not, um de­ren Le­bens­si­tua­ti­on spür­bar zu ver­bes­sern. Da­mit le­gen sie ein Zeug­nis für ih­ren Glau­ben ab, das stär­ker ist als ei­ne ein­sei­ti­ge Sicht von der Mis­sio­nie­rung der Völ­ker. Un­se­re Mis­si­on ist nicht der Ge­winn von mehr Mit­glie­dern, son­dern ein Zu­wachs an mehr kon­kre­ter Lie­be. Das soll­te uns vor al­lem mit Freu­de er­fül­len und nicht zu­erst ei­ne star­ke, ein­fluss­rei­che Kir­che. Der Ein­satz für die Schwächs­ten in ei­ner Ge­sell­schaft und in der Welt ist der bes­te Aus­weis für jeg­li­che, ech­te Got­tes- und Nächs­ten­lie­be. Das eben drückt sich auch in dem Mot­to des heu­ti­gen Sonn­ta­ges der Welt­mis­si­on aus: „Se­lig, die Frie­den stif­ten (Mt 5, 9), so­li­da­risch für Frie­den und Zu­sam­men­halt“. Amen.

(P. Tho­mas Röhr OCT)