Pre­digt zum 32. Sonn­tag im Jah­res­kreis A (08.11.2020)

(Weish 6, 12–16; 1 Thess 4, 13–18; Mt 25, 1–13)

Pre­digt von P. Tho­mas Röhr OCT — Audioversion

Lie­be Schwes­tern und Brü­der,

wie wir heu­te al­le wis­sen, ist die Bi­bel nicht ein­fach vom Him­mel ge­fal­len. Noch hat sie ei­ne Per­son nach gött­li­chem Dik­tat auf­ge­schrie­ben, wie z.B. die Be­zeich­nung „Bü­cher des Mo­se“ oder „Psal­men Da­vids“ ver­mu­ten las­sen. Bei dem Buch Je­sa­ja kennt man drei Grup­pen, die in ver­schie­de­nen Zei­ten ge­lebt und Bi­bel wei­ter­ge­schrie­ben bzw. ak­tua­li­siert ha­ben. Die Ge­schich­te der Bi­bel ist al­so ei­ne lan­ge, oft kom­pli­zier­te, die zu­dem meis­tens Team­ar­beit war. Da­bei wa­ren die bi­bli­schen Schrift­stel­ler durch­aus krea­tiv und in­no­va­tiv, in­dem sie vor­han­de­ne Tex­te, wie bei Je­sa­ja schon er­wähnt, wei­ter­schrie­ben bzw. ak­tua­li­sier­ten.
Das Buch der Weis­heit z.B. ist im ägyp­ti­schen Alex­an­dria ent­stan­den, in ei­ner mul­ti­kul­tu­rel­len Um­ge­bung. Man ver­such­te den jü­di­schen Glau­ben ver­ständ­lich zu ma­chen und scheu­te sich da­bei nicht, die „Frau Weis­heit“ in vie­len Aspek­ten der ägyp­ti­schen Weis­heits­göt­tin Maat so­wie der Göt­tin Isis ähn­lich sein zu las­sen. Die bi­bli­sche Weis­heit aber war und ist kein eli­tä­res Ge­heim­wis­sen, das nur ei­ner be­stimm­ten Grup­pe vor­be­hal­ten war. Denn sie sitzt vor der Tü­re und kann von je­dem ge­fun­den wer­den (V14). Die ein­zi­ge Vor­aus­set­zung, sie zu fin­den, ist die of­fe­ne Sehn­sucht, sie fin­den zu wol­len. Sie ist nicht ein­fach er­wor­be­nes Stu­di­um­wis­sen, sie ist nicht au­to­ma­tisch mit aka­de­mi­schen Gra­den mit­ge­ge­ben, nein, die Weis­heit ent­schei­det selbst, wem sie „mit der Tür ins Haus fal­len“ will (V13/16).
Auch, wenn das in der 1. Le­sung heu­te nicht aus­drück­lich ge­sagt ist, so ist Weis­heit kei­ne blo­ße An­ge­le­gen­heit des Kop­fes, son­dern vor al­lem des Her­zens, das den Men­schen drängt, We­ge der Ge­rech­tig­keit Got­tes zu su­chen und zu ge­hen.
Auch das Gleich­nis aus dem Evan­ge­li­um ist ei­ne Ant­wort des Evan­ge­lis­ten auf die drän­gen­de Fra­ge der ers­ten Chris­ten­gen­ra­tio­nen, war­um das Reich Got­tes so lan­ge auf sich war­ten lässt. Denn die Na­her­war­tung des Rei­ches Got­tes war groß, die Ent­täu­schung über das Aus­blei­ben auch, viel­leicht so­gar bis heu­te. In die­sem Gleich­nis ist es wei­se, in­ner­lich wach zu blei­ben und das Öl des Glau­bens, der Hoff­nung und der Lie­be nicht aus­ge­hen zu las­sen. Es ist wei­se, zu ver­ste­hen und zu le­ben, dass ich mei­nen Glau­ben, mein Le­ben, mein Lie­ben nicht an an­de­re de­le­gie­ren kann. Bei al­ler Lie­be zum Tei­len ist mei­ne Ei­gen­ver­ant­wor­tung nicht teil­bar, ich muss sie ganz und gar selbst über­neh­men.
Aber es geht hier nicht um Pa­nik- oder Angst­ma­che, son­dern um ein Le­ben, das in der Lie­be und im Ver­trau­en zu Gott Halt und Zu­ver­sicht fin­det. Wir müs­sen kei­ne Ta­ge und Stun­den wis­sen, son­dern im­mer wie­der neu mit Got­tes Hil­fe Ver­trau­en und Lie­be wa­gen.
Da kei­ner weiß, wie es ihm am En­de wirk­lich ge­lun­gen sein wird, so glau­be ich trotz­dem fest dar­an, dass der Bräu­ti­gam zu kei­nem sa­gen wird: „Ich ken­ne dich nicht!“, weil er je­dem we­nigs­tens ein biss­chen Glau­be, Hoff­nung und Lie­be ins Herz ge­ge­ben ha­ben wird. Amen.

(P. Tho­mas Röhr OCT)