Pre­digt zum Evan­ge­li­um vom 15. Sonn­tag im Jah­res­kreis (12.07.2020)

(Jes 55, 10–11; Röm 8,18–23; Mt 13, 1–23)

Pre­digt von P. Tho­mas Röhr OCT — Au­dio­ver­si­on

Lie­be Schwes­tern und Brü­der,

ich glau­be nicht, dass Je­sus nicht ver­stan­den wer­den woll­te, im Ge­gen­teil. Sei­ne Gleich­nis­se wa­ren in der Re­gel aus der All­täg­lich­keit des Le­bens ein­fa­cher Leu­te ent­lehnt. Na­tür­lich gab es Men­schen, die woll­ten oder konn­ten aus ver­schie­dens­ten Grün­den nicht ver­ste­hen, und die gibt es heu­te auch. Aber Je­sus woll­te und will ver­stan­den wer­den.
Ich bin mir auch nicht si­cher, ob wir die Gleich­nis­se Je­su im­mer in sei­nem Geist ver­ste­hen. Viel zu oft scheint mir, dass wir sie mo­ra­lisch miss­brau­chen, um sie an­wend­bar zu ma­chen. So­gar der Evan­ge­list Mat­thä­us scheint die­ser Ver­su­chung zu er­lie­gen, wenn man am En­de „die Mo­ral von der Ge­schicht“ er­klärt be­kommt. Es sind mög­li­cher­wei­se Ver­su­che zu er­klä­ren, war­um der Er­folg der Ver­kün­di­gung Je­su am En­de doch recht be­schei­den aus­fiel. Viel­leicht hat das ja so­gar im Her­zen von Je­sus ei­ne ge­wis­se Ent­täu­schung er­zeugt.
Im Grun­de aber ist für mich die­ses Gleich­nis ein zu­tiefst po­si­ti­ves und er­mu­ti­gen­des. Es war doch je­dem Sä­mann, der den Sa­men mit der Hand aus­streu­te, klar, dass nicht al­le Kör­ner auf frucht­ba­rem Bo­den fal­len kön­nen. Aber er wuss­te, dass die meis­ten Frucht brin­gen wer­den. Die Freu­de dar­über steht doch im Vor­der­grund und nicht der Ver­lust ei­ni­ger we­ni­ger Kör­ner im Ver­gleich da­zu. So ist es doch in un­se­rem Le­ben in vie­ler­lei Hin­sicht auch: man­ches ge­lingt, man­ches nicht. Und na­tür­lich kann es auch sein, dass man­cher am En­de sei­nes Le­bens nicht so recht weiß, ob er ge­nü­gend Sa­men auf frucht­ba­ren Bo­den streu­en konn­te.
Ich mei­ne, so schlecht ist es ja nicht, wenn die Vö­gel auch ein paar Kör­ner ab­be­kom­men! Viel­leicht soll­ten wir nicht all­zu schnell in die Rol­le des Sä­manns schlüp­fen, auch nicht in die Rol­le des Korns. Denn letzt­end­lich ist Gott sel­ber der Sä­mann, der si­cher ge­nü­gend frucht­ba­ren Bo­den in uns ge­fun­den ha­ben wird und mit des­sen Au­gen und Blick auf un­ser Le­ben wir über­rascht auf Früch­te schau­en dür­fen, die un­se­ren Au­gen ver­bor­gen blie­ben. War­um nicht ler­nen, den Blick zu än­dern, näm­lich weg von der Fi­xie­rung auf das, was nicht ge­lun­gen oder miss­ra­ten ist, hin zu dem, wor­über wir uns von Her­zen freu­en kön­nen?! Und wenn uns das ge­ra­de sehr schwer­fällt, dann mö­ge Gott uns ein biss­chen Sei­nen Blick schen­ken. Ver­trau­en wir ein­fach auf den Sä­mann Got­tes, der da­für sor­gen wird, dass wir mit­ten­drin und am En­de un­se­res Le­bens vor Freu­de au­ßer uns sind über das, was ER an Früch­ten hat auf­ge­hen las­sen, teils hun­dert­fach, teils sech­zig­fach, teils drei­ßig­fach.
Wer Herz­oh­ren hat, der hö­re. Amen.

P. Tho­mas Röhr OCT